Interview mit Thomas Riepe

Thomas Riepe arbeitet als Tierpsychologe, Fachjournalist und Fachbuchautor. Er ist als Referent tätig und schreibt regelmäßig Artikel für die kynologische Fachpresse. Riepe veröffentlichte bisher acht Bücher, unter anderem „Hunde halten mit Bauchgefühl“, „Herz, Hirn, Hund“, „Da muss er durch“ und „Hundeartige“. Er ist Chefredakteur und Herausgeber des Fachmagazins CANISUND, das sich neben Haushunden auch mit Wildhunden beschäftigt. Die Talkshow „Riepes Hundetalk“ läuft seit 2012 beim TV-Lernsender NRWISION.

4_Windigeklargestellt: Wie definieren Sie ein Rudel?

Riepe: Gute Einstiegsfrage, vor allem, weil Sie fragen, wie ich ein Rudel definiere. Das Wort Rudel ist nämlich kein einheitlich definierter Begriff. In der Wild- oder auch der Verhaltensbiologie bezeichnet man im Allgemeinen z. B. eine Wolfsfamilie als Rudel. Elterntiere mit ihrem teilweise unterschiedlich altem Nachwuchs. Familienverbände, Mutter, Vater und Nachwuchs werden heute im wildbiologischen Kontext als Rudel bezeichnet. Da Wölfe aber anpassungsfähige Lebewesen sind, gibt es immer mal Ausnahmen von der Grundstruktur – z. B. dass familienfremde Individuen „adoptiert“ werden. Das ist dann aber speziellen Umständen und der Anpassungsfähigkeit von Wölfen geschuldet. Allgemein sind Wölfe, die in Gruppen auftreten, Familien. Und die werden vielfach heute mit dem Wort Rudel beschrieben.

Wenn man sich mit Menschen austauscht, denen dieser Familienfaktor im Zusammenhang mit dem Wort Rudel bewusst ist, kann man das Wort auch durchaus benutzen. Allerdings verbindet der „normale“ Mensch und Hundehalter mit dem Wort eher eine Art militärisch organisierter Einheit von Wölfen und/oder Hunden, in der sich nicht verwandte Tiere zusammenschließen, um streng hierarchisch strukturierte Gruppen zu bilden. Das entspricht aber überhaupt nicht der sozialen Grundstruktur von Wölfen und Hunden. Wie gesagt, Wolfsrudel sind Familien. Und Hundegruppen, die nicht durch Menschen zusammengehalten werden, sind auch meist nur temporäre Zweckgemeinschaften. Auf alle Fälle vermeide ich das Wort Rudel, im Zusammenhang mit Wölfen nutze ich lieber Familie und bei Hunden spreche ich persönlich lieber von Gruppen – egal welcher Konstellation. Obwohl viele Experten Hundegruppen, die aus Elterntieren und Welpen bestehen, dann auch als Rudel bezeichnen – in Anlehnung an Wolfsrudel bzw. Wolfsfamilien. Aber, wie erwähnt, ich vermeide das Wort Rudel, weil es beim normalen Hundehalter meist vollkommen falsche Assoziationen bzgl. des Sozialverhaltens von Hunden weckt.

© Günther Bloch (Kosmos Verlag)

© Günther Bloch (Kosmos Verlag)

klargestellt: Laut Feddersen-Petersen gibt es Rassen, die sich eher zur Mehrhundehaltung eignen als andere. Sehen Sie das genauso? Wie sieht das bei den aus ganz Europa importierten Straßenmischlingen aus?

Riepe: Grundsätzlich ist es bei Hunden so, und das wird immer wieder vollkommen vergessen, dass fremde Artgenossen ja eine Bedrohung darstellen. Familie ist wichtig, bei Hunden auch die anderen Sozialpartner im direkten Umfeld. Aber bei Wölfen wie Hunden ist es immer noch genetisch verankert, dass die wahren Feinde die Artgenossen sind. Artgenossen benötigen exakt die gleichen Ressourcen wie ich, sei es das Territorium, die Nahrung, den Partner zur Fortpflanzung. Wölfe sind da sehr klar in ihrem Verhalten. Abgewanderte Jungwölfe schließen sich mit einzelnen Individuen des anderen Geschlechts zwecks Familiengründung zusammen. Sie bilden aber keine Gruppierungen mit allen umherwandernden Wölfen, die noch kein eigenes Territorium haben. Wie gesagt, im Grunde sind alle fremden Artgenossen eher Feinde als Freunde, die vertrieben und auch mal bekämpft werden. Würden Hunde diesen Feindgedanken bei fremden Artgenossen genauso streng ausleben wie Wölfe, wäre es für sie natürlich nicht möglich, in einer Umwelt mit sehr vielen Artgenossen zu existieren. Anpassung, Selektion und Domestikation haben beim Hund daher dazu geführt, dass dieser im Allgemeinen fremden Artgenossen freundlicher begegnet. Da der Mensch auch gezielt selektiert hat, sind natürlich Rassen entstanden, die z. B. für die Jagd in einer Meute zusammenleben und arbeiten. Natürlich sind diese Rassen eher bereit, in Gruppen mit Artgenossen zu leben, als z. B. Spitze, die früher gern z. B. auf kleinen Bauernhöfen als Einzelhunde zur Mäuse- und Rattenbekämpfung gehalten wurden. Spitze konnten auf „ihrem“ Hof frei agieren, waren aber selten mit vielen Artgenossen konfrontiert, weil Territoriums-, also Hofgrenzen, durchaus ernst genommen wurden. Also klar, es gibt unterschiedliche Rasseausprägungen und sicher sind einige Rassen besser „geeignet“, mit mehreren Artgenossen zusammenleben, als andere. Aber man muss es auch immer individuell sehen. Hunde sind keine designten Maschinen, und es kann Spitze geben, die wunderbar mit Artgenossen harmonieren, und Meutehunde, die lieber für sich sind. Und natürlich spielt dabei auch die eigene Lebenserfahrung eine Rolle, welche Bedeutung Artgenossen für das Individuum im Leben hatten oder haben. Bei der Zusammenstellung von Hundegruppen sind immer viele Faktoren zu berücksichtigen. Jede pauschale Herangehensweise, ob nach Rasse oder irgendwelchen angeblich angeborenen „Rudelstellungen“ ist für mich persönlich sehr – vorsichtig ausgedrückt – bedenklich. Und importierte Straßenhunde muss man da noch einmal anders einschätzen, als Hunde, die in unserem heimischen Umfeld aufgewachsen sind und von Welpenbeinen an Kontakt mit fremden Artgenossen hatten oder haben mussten. Meist haben Straßenhunde den direkten Kontakt mit anderen Hunden vermieden und haben kritische Situationen weitläufig umgangen. Man kann sich vorstellen, wie es einem Hund gehen muss, der Strategien zur Konfliktvermeidung in Freiheit erlernt hat, plötzlich auf engstem Raum mit Artgenossen ist und Konflikten nicht mehr aus dem Weg gehen kann.

Wolf-Chowklargestellt: Brauchen Hunde den Menschen? Wie wichtig ist sozialer Kontakt zum Menschen für Hunde?

Riepe: Das ist eine sehr gute Frage. Es gibt rund 500.000.000 Hunde auf der Welt (Wandeler: Dogs, Zoonoses and Public Health, 2001), wovon ca. 75 % ein selbstbestimmtes Leben ohne direkte Zugehörigkeit zu einem Menschen führen (Kevin Stafford: The Welfare of Dogs. 2006). Rein statistisch betrachtet können Hunde demnach sehr gut ohne Menschen existieren – aber vermutlich nicht ohne die vom Menschen geprägte Umwelt. Diese ist genau die ökologische Nische, die Hunde zum Leben benötigen. Weitab von menschlichen Siedlungen und deren Nahrungsressourcen sind sie in der Natur meist nicht in der Lage, sich gegen andere Futterkonkurrenten durchzusetzen. Mensch und Hund gehören daher definitiv „zusammen“, wie eng genau, ist oft auch kulturellen und anderen Umweltbedingungen geschuldet. Als sicher gilt aber, dass Menschen von Hunden meist leichter als Sozialpartner akzeptiert werden, als Artgenossen.

Interessant ist es an dieser Stelle vielleicht auch, speziell bezogen auf Rudelstellungen, dass von den 75% der selbstbestimmten Hunde auf der Erde, die Mehrheit nicht in dauerhaften Gruppen lebt, sondern eher solitär. Das beschreiben z. B. die Forscher Erik Zimen (Der Hund, 1988) oder das Ehepaar Coppinger (Hunde, 2003). Auch ich habe in Indien, Afrika und Südeuropa bei Recherchen bislang mehr Einzelhunde als Hunde in Gruppen vorgefunden. Gruppen kommen unter bestimmten Umständen durchaus vor (Bloch, Pizzahunde, 2007). Aber mehrheitlich leben Straßenhunde nicht in Gruppen, sondern eher solitär. Hunde scheinen also durchaus in der Lage, ohne direkte menschliche Bezugsperson zu leben, genauso, wie sie ohne feste Hundegruppe leben können.

klargestellt: Ist der Kontakt zum Menschen für Hunde, die zu zweit oder gar in „Rudeln“ gehalten werden, weniger wichtig als für Einzelhunde?

Riepe: Das kann man sicher nicht an „Rudeln“ festmachen. Wieviel Kontakt ein Hund zu einem Menschen wünscht, ist sicher ganz individuell zu sehen und hat wenig damit zu tun, wie viele Hunde in der Umgebung leben.

 klargestellt: Sehen Sie einen Trend hin zur Mehrhundehaltung?

Riepe: Ja.

klargestellt: Halten Sie es für möglich, dass Menschen durch das Halten mehrerer Hunde überfordert sind und sich deshalb verstärkt Angeboten zuwenden, die ihnen leichte Hilfe versprechen?

Riepe: Ja.

klargestellt: Frau Ertel empfiehlt Hundehaltern gerne, sich weitere Hunde anzuschaffen, um das Rudel zu ergänzen. Bedeutet dies noch mehr Überforderung für den Halter oder kann es tatsächlich mehr Ruhe in einen Mehrhundehaushalt bringen?

Riepe: Spezielles Thema, das man schwer kurz oder gar pauschal beantworten kann. Fremde Hunde sind, wie gesagt, meist eher als Konkurrenten anzusehen. Holt man sich einen weiteren Hund ins Haus, bedeutet das immer erst einmal Stress. Die Hunde fragt ja niemand… Aber aufgrund der Anpassungsfähigkeit von Hunden arrangieren sich die Tiere meist, und natürlich kann ein ausgeglichener Hund sicher positiven Einfluss auf sonst vielleicht nervöse Hunde haben. Das geht aber auch umgekehrt. Und es gibt gar nicht so selten Hunde, die nicht mit Artgenossen zusammenleben wollen. Denen dabei nicht „wohl“ ist. Es gibt sehr viele individuelle Punkte bei der Mehrhundehaltung zu berücksichtigen, die man definitiv nicht pauschal beantworten kann.

klargestellt: Rudelstellungsanhänger neigen dazu, ihre Hunde untereinander zu tauschen, wenn sie nicht ins Rudel passen. Was bedeutet es für einen Hund, aus seiner Umgebung gerissen und mit anderen Hunden „verrudelt“ zu werden? Wie wirkt sich so ein Hundetausch auf die Bindungsfähigkeit der Hunde aus?

Riepe: Auch hier müsste man immer den individuellen Fall betrachten, die spezielle Situation und Konstellation. Sicher gibt es hier und da Fälle, wo Hunde überhaupt nicht miteinander können, sich sogar lang und häufig gegenseitig bedrohen, weil sie gezwungen werden, eingesperrt miteinander zu leben. Da kann es in Einzelfällen durchaus mal ratsam sein, einem Hund ein anderes Heim zu suchen, um Stress und Aggression zu vermeiden. Das kommt aber seltener vor, als man denkt. Wie bereits vorher erwähnt, sind Hunde eher bereit, mit Artgenossen zu leben, als es z. B. Wölfe sind. Wichtig sind dabei aber viele Aktivitäten, die individuell durchgeführt werden, genügend Raum und Möglichkeiten, sich zurückzuziehen. Werden zu viele Hunde auf zu engem Raum gehalten, ist das immer kritisch zu betrachten. Wenn Hunde aber mit anderen Hunden friedlich zusammenleben, sich gegenseitig angepasst haben, mit den individuellen Eigenschaften des oder der anderen umzugehen wissen, auch durch Anpassung und Gewöhnung, ist das doch in Ordnung. Besser ich kann Situationen und „Mitbewohner“ einschätzen, als wenn ich ständig in neue Gruppierungen gesetzt werde, wo ich mich erst wieder einfinden muss, wo ich mich neu anpassen muss – was unnatürlich viel Stress bedeutet. Also klar, das sollte einem schon der gesunde Menschenverstand sagen. Wenn es nicht geht, dann geht es nicht mit dem Zusammenleben. Aber ständig neuen Konstellationen ausgesetzt werden, ist automatisch belastend für die Psyche. Und natürlich, wenn ich als Individuum lerne, dass meine Bindungen und die Anpassung an einen neuen Sozialpartner nur von kurzer Dauer sind, leidet meine Bindungsfähigkeit.

klargestellt: Hunde, die bisher zusammengelebt haben, werden, nachdem ihre Halter sich der Rudelstellungslehre angeschlossen haben, oftmals voneinander getrennt gehalten. Die zuvor von den Haltern als harmonisch empfundenen Beobachtungen der hündischen Kommunikation (Spielen) wird nun als Stress interpretiert. Ist es richtig, dass das Spielen von Hunden eine menschliche Fehlinterpretation ist und tatsächlich Stress bedeutet?

Riepe: Natürlich stresst spielen. Es ist ein oft blitzschnelles Anpassen an sich ändernde Umstände. Aber Säugetiere müssen ja spielen, damit körperliche Fertigkeiten und die Gehirnentwicklung gefördert werden. Wenn genügend Energiezufuhr (sprich Futter) vorhanden ist, kann man auch bei erwachsenen Wölfen oder frei lebenden Hunden durchaus erwachsene Individuen beim Spiel beobachten. Das hält körperlich und geistig fit… Also klar, Spiel ist Stress – aber ein wichtiger und insgesamt nützlicher Stress. Man muss nur darauf achten, dass nicht zu viel gespielt wird, die Hunde nicht zu hoch fahren und vor allem nicht zu lange gespielt wird. Die Hunde sollten zudem schnell wieder entspannen können.

klargestellt: Frau Ertel spricht gerne davon, dass der Hundehalter eine bestimmte „Rudelposition“ einnehmen müsse. Ist der Mensch in der Lage, sich für Hunde glaubwürdig sozusagen als Ersatzhund zu etablieren?

Riepe: Ich vermeide ja das Wort Rudel. Wie eingangs erwähnt, Rudel als hierarchische Gruppierung mit nicht verwandten Individuen gehören nicht zum sozialen Grundmodell von Kaniden. Und wenn es ein Konstrukt nicht gibt, kann ich darin auch schlecht die Position eines anderen einnehmen. Und wenn man die wildbiologisch als Rudel bezeichnete Wolfsfamilie betrachtet, welche Position sollte ich da einnehmen? Vater, Mutter, Welpe?

Allerdings muss man natürlich festhalten, dass innerhalb der Mensch/Hund-Lebensgemeinschaft, in dem gemischtartigen sozialen Verband sicher dem Menschen eine gewisse „Leitungsrolle“ zufällt, die Regeln aufstellt und den sozialen Verband durch die hektische menschliche Umwelt manövriert.

klargestellt: Um Hunde zur Aufgabe von Problemverhalten (z. B. Jagen) zu bringen, wird Rudelstellungsanhängern empfohlen, dem Hund in ganzen Sätzen ausführlich zu erklären, weshalb das gezeigte Verhalten unerwünscht ist. Ist es möglich, mit Hunden durch ausführliches Erklären in menschlicher Sprache zu kommunizieren und sie so zu Verhaltensänderungen zu bewegen?

Riepe: Hunde sind hochentwickelte Lebewesen, deren Gehirn zu weit mehr fähig ist, als wir Menschen ihnen meist zugestehen. „Erzogen“ bzw. trainiert werden Hunde heute innerhalb fast aller Philosophien fast ausschließlich behavioristisch, das heißt nach einer bestimmten Lerntheorie. Lerntheoretiker sind sich inzwischen allerdings einig, dass es mehr als eine einzige ernstzunehmende Lerntheorie gibt und das Lernen eine Mischung mehrerer Theorien ist (Schar/Riepe, Hunde halten mit Bauchgefühl, 2014). Demnach sind Hunde auch mit größeren kognitiven Fähigkeiten ausgestattet, als bislang propagiert (Hunde – Evolution, Kognition und Verhalten, Ádám Miklósi, 2011).

Aber so sehr Hunde und Hundeartige auch meine private und berufliche Leidenschaft sind – dass Hunde ganze Sätze verstehen, die verschiedenen Bedeutungen von immer neu zusammengesetzten Wörtern erkennen können, dafür reicht ihre Fähigkeit zur Abstraktion sicher nicht. Was gar nicht schlimm ist – Hunde haben andere Fähigkeiten, bei denen sie uns haushoch überlegen sind. Aber sicher können sie außer einzelnen Wörtern oder Wortketten keine abstrakten Sätze verstehen. Eigentlich ist es schon fragwürdig, dass ich darauf überhaupt antworte.

klargestellt: Rudelstellungsanhänger, die ein “strukturiertes Rudel“ haben, reden in ganzen Sätzen mit den so genannten „Eckhunden“ und erwarten von diesen, dem Rest des Rudels klarzumachen, was der Mensch wünscht. Ist es möglich, eine Hundegruppe auf diese Weise zu führen?

Riepe: Nein.

klargestellt: Ist es richtig, dass Hunde eines passend zusammengestellten Rudels bzw. Teilrudels keine tägliche Bewegung (Spaziergänge) benötigen, da sie durch ihr eigenes „Arbeiten“ vollkommen ausgelastet sind?

Riepe: Richtig ist, dass Hunde heute viel zu viel ausgelastet werden, sie viel zu viel „Action“ haben und viel zu wenig Ruhezeiten. Aber ein Grundbedürfnis nach Bewegung hat natürlich jeder Hund – welches auch immer individuell und rasseabhängig zu sehen ist. Ungefähr zwei Stunden gezielte Bewegung am Tag (z. B. Spaziergänge, Ausflüge), sowie zusätzliche geistige Auslastung (z. B. Nahrungssuche, Nahrung bearbeiten) sind für die geistige Gesundheit unabdingbar.

Leinenschnüffelnklargestellt: Um Begegnungen mit „nicht passenden“ Hunden zu vermeiden, dürfen Hunde von Rudelstellungsanhängern keinen Kontakt zu fremden Hunden aufnehmen. Ist das sinnvoll oder artgerecht?

Riepe: Das muss man auch wieder differenziert betrachten. Wie bereits erwähnt, sind nicht alle Hunde auch Hundefreunde. Denen braucht man es nicht unbedingt zuzumuten, ständig neue Hunde kennenzulernen. Wie gut Hunde mit Hunden auskommen, hängt von der Sozialisierung und auch vom individuellen Charakter ab. Ich denke allerdings, dass es nötig ist, dass man in unserer Gesellschaft gezielte Hundebegegnungen herbeiführt und auch ermöglicht – zum einen, weil der Hund lernen sollte, Artgenossen zu tolerieren, und weil es nicht immer möglich ist, Kontakte zu vermeiden.

klargestellt: Haben Sie beobachtet oder Kenntnis davon, dass ein bestimmter Hundewelpe sich versteckt bzw. von der Mutter versteckt wird, da er sonst als potentieller Konkurrent vom aktiven Leithund des Rudels getötet würde?

Riepe: Nein, davon habe ich keine Kenntnis und habe ich selbst noch nie beobachtet. Man kann natürlich nie abstreiten, dass irgendwie oder irgendwo mal ein Welpe getötet wurde – ggf. aus Gründen von Krankheit. Aber normalerweise töten Wölfe oder auch Hunde ihren Nachwuchs nicht – und vor allem nicht aus Angst vor Konkurrenz. Die Welpen wandern ja sowieso ab, wenn sie erwachsen sind, um sich eigene Partner zu suchen. Eine Einrichtung der Natur, der Evolution, die Inzucht vermeidet…

klargestellt: Nach der Rudelstellungslehre, „repariert“ eine stellungsstarke Hündin ihren Wurf wenn er rudelstellungsgemäß „inakzeptabel“ ist durch das Töten einzelner Welpen oder ihres ganzen Wurfs. Haben Sie solch ein Verhalten beobachtet?

Riepe: Kurze Antwort: Hanebüchener Blödsinn.

klargestellt: Gibt es nach dem Stand der heutigen Forschung Hinweise auf eine genetisch festgelegte und somit vererbbare Stellung innerhalb eines Sozialverbandes von Kaniden?

Riepe: Nein, mir ist nichts bekannt – und, wenn ich das anmerken darf: Ich habe schon intensiv recherchiert, ob es irgendwelche auch nur annähernd seriöse Hinweise gibt, die sich mit dem Thema beschäftigt haben. Da gibt es nichts, aber auch rein gar nichts…

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© Günther Bloch (Kosmos Verlag)

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5 Gedanken zu „Interview mit Thomas Riepe

  1. Kreutzmann

    Danke für dieses tolle Interview. Genau so sehe ich es auch und bin dankbar für diese klare Zusammenstellung! canisund wird abonniert 🙂

  2. petra keil

    Da fallen einem ja alle Hundeknochen vom Herzen!! Klare Worte! Für jeden eigentlichUnmissverständlich ! Da ich jeden Tag mit Hundegruppen, Dank auch für diese konsequent richtige Bezeichnung, arbeite, kann ich die zum Teil genannten Beschreibungen nur bejahen! Respekt vor so viel Sachlichkeit ! Ich kann nur raten, diese Klarstellungen zu verbreiten um Schaden am Hund und vielleicht auch am Menschen, wenn denn mal das Bewusstsein dafür einsetzt, zu begrenzen. DANKE T.Riepe
    Petra Keil von 8hunde.de

  3. Jutta

    Ich bin ja geschockt! Ich kannte Frau Ertel nicht und muß ganz ehrlich sagen, habe auch absolut kein Interesse, solch einen ausgemachten Blödsinn zu lesen.(Habe quer gelesen, dass hat gereicht!) Aber, dass muß ja jeder für sich selbst entscheiden.
    Ich lebe nun seit 25 Jahren mit mittlerweile insgesamt 17 Hunden. 10 Hunde waren Huskies und alle aus dem Tierschutz. Die Gruppe zusammen zu bringen, war ganz selten ein Problem. Und dennoch gab es Vorlieben und Abneigungen. Aber der Bezugspunkt war ich. Und ich habe dafür gesorgt, dass klar ist, dass Friede im Haus herrscht.
    Jetzt habe ich zwei stark traumatisierte Hunde hier. Beide reagieren vollkommen unterschiedlich. Beide haben keine Sozialisierung gehabt.
    Was das heißt, davon kann ich ein ganzes Buch füllen.
    Und dieses Dauerbelastung in Form von „Action für Hunde“ kann ich auch nicht unterstützen. Gehe ich aber mal nicht mit ihnen raus, dann ist der Spaziergang am nächsten Tag doch um einiges anstrengender! Hunde wollen raus. Sie brauchen es einfach in Bewegung zu sein und ihr Territorium abzulaufen, zu riechen, Zeitung zu lesen oder einfach im Feld nach Mäusen zu graben usw..
    Ich danke die klaren Worte und: „Alles ist Bewegung“ auch in der Forschung.
    Jutta und ihr jetzt noch 4-er Rudel(3 Weibchen ein Rüde)

  4. Marta

    „Gehe ich aber mal nicht mit ihnen raus, dann ist der Spaziergang am nächsten Tag doch um einiges anstrengender! Hunde wollen raus. Sie brauchen es einfach in Bewegung zu sein und ihr Territorium abzulaufen, zu riechen, Zeitung zu lesen oder einfach im Feld nach Mäusen zu graben usw..“
    Diesen satz bitte an alle rudler in dreifacher Ausführung!

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