Thomas Riepe in DOGStoday

DOGStoday

Rudelstellungen – Ein Trend, der Hunde leiden lässt?

Der Trend zum Zweithund nimmt immer mehr zu. Damit auch Theorien, die ein harmonisches Zusammenleben ermöglichen sollen. Doch leider ist nicht alles Gold, was glänzt …
Von Thomas Riepe


Foto: 123rf/F. Czanner/R. Costa Morera
Gerade sehe ich meine Hunde Puzzel und Koka herumliegen und ihren Mittagsschlaf halten. Puzzel ist 16 Jahre alt, Koka 11. Sie leben seit ca. 7 Jahren sehr harmonisch Seite an Seite – Streit untereinander kennen sie so gut wie nicht. Im Gegenteil, wenn man sie über den Tag beobachtet, kann man getrost von einer tiefen Zuneigung zueinander sprechen. Sie begrüßen sich freudig, wenn einer mal allein fort war, sie verbellen gemeinsam „Feinde“ und tauschen nach einer gewissen Zeit friedlich ihre Futternäpfe, um die Reste des anderen zu vertilgen. Wirklich ein harmonisches Verhältnis ohne Probleme.

Da zurzeit immer häufiger von „vererbten Rudelstellungen“ die Rede ist, kommt mir folgender Gedanke: Wenn der Theorie nach Koka eine Nr. 1 ist (laut Rudelstellungstheorie auch „Vorderer Leithund“ genannt) und Puzzel eine Nr. 3 („Vorderer Wächter“) – wie würde ich mit diesem  Konstellationsproblem umgehen? Müsste ich mir jetzt eine Nr. 2 („Vorderer Kundschafter“) suchen? Ich bin mir sicher, dass der alte, 16-jährige Puzzel keine Lust auf einen weiteren Hund im Haushalt hätte, auf den man sich einstellen muss. Zu viel Stress für den alten Knaben in seinem schönen Heim, seinem gemütlichen Alterssitz. Und Koka? Die ist auch in ihrer Zweierbeziehung zufrieden, da bin ich mir sicher. Aber da laut der Rudelstellungstheorie sieben Positionen in jedem Wurf „angeboren“ sind, fühlen sich Hunde angeblich nur in einer solchen Konstellation wohl. Folglich müsste ich also fünf weitere Hunde aufnehmen. Ganz im Ernst, was ist das wieder für ein Ding mit diesen Rudelstellungen?
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Diese Rudelstellungen beruhen auf den Beobachtungen und Interpretationen einer Person – die diese Thesen schon vor sehr vielen Jahren aufstellte.

Völlig eigenständige Sichtweise ohne jeglichen Beweis.
Es geht im Prinzip darum, dass Hunde angeblich eine angeborene Stellung in Rudeln haben, und dadurch bestimmte Reihenfolgen und Aufgaben für ihr Leben lang vorbestimmt wären. „Untermauert“ ist es nur durch selbstverantwortlich interpretierte Beobachtungen, ohne jeglichen wissenschaftlichen Background. In der Praxis heißt das, wie oben schon erwähnt, wenn man z. B. zwei Hunde daheim hat, eine 1 und eine 3, dann muss man sich noch eine 2 dazukaufen oder die Nr. 3 abgeben. Sie lesen richtig – die Nr. 3 abgeben. Laut der Theorie können Hunde nur „glücklich“ sein, wenn sie in der (vollkommen unbewiesenen) angeborenen Reihenfolge miteinander leben. Das ist das, womit sich diese Sache im Wesentlichen beschäftigt. Es gibt „Experten“ dafür, die einem sagen, welche angeborene Stellung der oder die eigenen Hunde haben, was man tun muss, welche Hunde man zukaufen soll oder welche abgeben, oder wie man einen „Nr. 1“-Hund erzieht oder eine Nummer „6“ behandeln muss. Wenn man sich seit vielen Jahren ernsthaft mit Hundeverhalten beschäftigt, kann man bei solchen Thesen und Behauptungen nur den Kopf schütteln. Ein Familienverband kann auch durchaus nur aus drei, zwei Hunden oder einem bestehen, um glücklich zu leben.

Die Realität: Großteil des Charakters formt die Umwelt
Sicher ist es genetisch vorgegeben, ob man zum Beispiel ein etwas vorsichtigerer Charakter ist oder ob man angeboren zu etwas mehr Draufgängertum neigt. Allerdings ist der Hauptfaktor beim Formen eines Charakters die Umwelt, welchen positiven Reizen und Geschehnissen man ausgesetzt ist. Wie behütet man ist oder ob man um sein Leben, seine Existenz schon früh fürchten, kämpfen muss. Wie viele Ressourcen zur Verfügung stehen, mit wie vielen anderen Individuen man um diese Ressourcen konkurrieren muss oder nicht.  Die Umwelt, das Leben formt das Lebewesen, den individuellen Charakter macht Mensch wie Hund aus.

Mit Rudelstellungen würden Wölfe aussterben
Riepe4Charakterliche Grundtendenzen sind vererbbar, die Umwelt hat aber den größten Einfluss auf das Verhalten. Wenn man die Regeln der Vererbung (die wissenschaftlich und empirisch gut unterfüttert sind) zugrunde legt, zerlegt sich die Rudelstellungstheorie schon von selbst. Es werden immer vornehmlich die eigenen Eigenschaften weitervererbt – es ist daher ausgeschlossen, dass sieben bestimmte Eigenschaften oder „Positionen“ immer in genau der richtigen Verteilung in jedem Wurf zu finden sind. Wobei auch die Zahl 7, sagen wir mal vorsichtig, „merkwürdig“ ist. Was ist mit Würfen von acht oder mehr Tieren? Müssen die überzähligen Hunde dann „beseitigt“ werden? Und was ist mit Wölfen, den Vorfahren der Hunde, die ja der Logik folgend auch angeborene Rudelstellungen haben müssten? Aber die bringen in der Natur nur sehr selten Würfe mit sieben Individuen zur Welt. Vier bis fünf Welpen sind die Regel. Und davon erreichen auch nicht alle das Erwachsenenalter. Und weil Wölfe nur einmal im Jahr Nachwuchs bekommen können, ist es ganz wichtig, dass alle Wölfe für Nachwuchs sorgen. Wenn also vier Jungtiere aus einem Wurf erwachsen werden, werden die alle aus dem Familienverband abwandern, um eigene Partner zur Fortpflanzung zu suchen. Und bei der Partnersuche achten sie bestimmt nicht auf Rudelstellungen, weil die  Wahrscheinlichkeit, den aus der vermeintlichen 7er-Konstellation „richtigen“ Partner zu finden sehr unwahrscheinlich ist. Das heißt, eine Tierart, die wenig und selten Nachwuchs bekommt, ist aus evolutionären Gründen der Arterhaltung darauf angewiesen, sich ohne zu große  Beschränkungen fortzupflanzen. Wenn die Natur auf diese „Rudelstellungen“ achten würde, wäre es sehr wahrscheinlich, dass Wölfe schon lange ausgestorben wären.

Anpassungsfähigkeit ist das echte Zauberwort
Riepe5Neben der beschriebenen, angeborenen Grundtendenz im Charakter spielt eine spezielle angeborene Eigenschaft eine Rolle beim Wesen des Hundes. Die Tatsache, dass Hunde sozial unglaublich anpassungsfähig sind. Ihre Fähigkeit sich an alle möglichen sozialen Strukturen und Sozialpartner individuell anzupassen, ermöglicht es ihnen wohl seit Jahrtausenden, an der Seite des unkalkulierbaren Menschen zu leben. Wie sollte das mit einer starren, angeborenen „Rudelstellung“ gehen?

Selbstbestimmte Hunde leben nicht in 7er-Gruppen
Zudem muss man ganz klar sehen, dass man nach diesen Rudelstellungen davon ausgeht, dass Hunde von Natur aus in irgendwelchen Gruppen leben, mit strenger Hierarchie und Ordnung. Davon haben Hunde noch nie etwas gehört. Wölfe leben in Familienverbänden, bei denen nur die beiden Elterntiere dauerhaft beisammen bleiben, die Welpen wandern nach ein bis zwei Jahren ab. Große, dauerhafte Gruppen mit fremden Individuen, die sich aufgrund von angeborenen „Rudelstellungen“ zusammenfinden, gibt es nicht. Und auch wild bzw. frei lebende Hunde, die nicht oder kaum von Menschen beeinflusst sind, leben nicht in Gruppen oder „Rudeln“ zusammen, die streng hierarchisch sind. Sicher sieht man mal Hunde, die auf der Straße leben, gemeinsam. Aber diese Gruppierungen sind meist nur kurzzeitig anzutreffen, und es sind auch selten dauerhaft zusammengehörige Gruppierungen. Mehrere „freie“ Hunde kann man meist an Futterplätzen beobachten, aber nicht als „Rudel“ – die Futterquelle ist der Anziehungspunkt. Wenn man sich  ernsthaft mit der sozialen Struktur von „frei“ lebenden Haushunden und Straßenhunden beschäftigt, wird man erkennen, dass diese zu 80 Prozent allein durch die Gegend streifen, manchmal kleinste Grüppchen mit vielleicht zwei oder drei Tieren bilden und fast nie dauerhaft angelegte, strukturierte „Banden“ etablieren. Ein Wolfsrudel oder eine Gruppe „frei“ lebender Hunde anzutreffen, die genau die Zahl 7 aufweist, ist wohl eher schwierig. Der Name Rudel betitelt im Zusammenhang mit Wölfen fachlich korrekt  gesehen eigentlich eine Familie. Ein Rudel mit strenger hierarchischer Ordnung ist bei Hunden wie Wölfen, die „natürlich“ leben können, kein soziales Modell des Zusammenlebens. Obwohl das gebetsmühlenartig immer noch von Hundetrainern gepredigt wird.

Tauschbörsen lassen Hunde leiden
Riepe6 Unter dem Strich gibt es sehr viel Ungereimtheiten in der Logik der Rudelstellungstheorien. Mir ist in den letzten Jahren selten ein Trend begegnet, der leichter zu widerlegen ist. Trotzdem finden sich unzählige Anhänger. Was mir eigentlich egal sein könnte. Wenn da nicht die leidenden Hunde wären. Die „Rudelstellungsgläubigen“ haben richtige Tauschbörsen entwickelt, wo Hunde, die angeblich nicht die passende, angeborene Stellung einnehmen, munter hin und her getauscht werden. Ein für mich unfassbares Verhalten den Tieren gegenüber. Individuen, die aus ihrem gewohnten, heimischen Umfeld herausgerissen werden, leiden oft. Und warum leiden diese Hunde? Weil die Menschen mal wieder einen neuen Trend brauchen.

INFO
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Thomas Riepe ist Tierpsychologe, Tierjournalist und Sachbuchautor aus dem westfälischen Anröchte. Er betreibt seit 1997 regelmäßig eigene Verhaltensbeobachtungen und  Feldforschungen an verschiedenen Hundeartigen.

Quelle: DOGStoday (Danke!)

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8 Gedanken zu „Thomas Riepe in DOGStoday

  1. Alwine

    Besonders angesprochen hat mich in diesem Artikel das Beispiel der zwei älteren Hunde, wahrscheinlich aus eigener Erfahrung – denn viele Jahre lang hat mich ebenfalls so ein Dreamteam begleitet. Die beiden waren Harmonie pur, oder, wie eine Bekannte es ausdrückte, „die hat man immer in einem Atemzug genannt“. Und beide haben mich immer und überall hin begleitet, sei es auf die Arbeit oder in der Freizeit.

    Und damit wären wir wieder bei der tierquälerischen Haltung, denn laut RS habe ich somit alles falsch gemacht. Zum einen hätte ich sie nämlich gar nicht so intensiv an meinem Leben teilhaben lassen dürfen. Und, schlimmer noch, ich habe mich mit BEIDEN beschäftigt. Somit habe ich (wie die hoffentlich meisten Halter von zwei Hunden) wahlweise eine von zwei Kardinalsünden begangen: Entweder, indem ich zwei „Leithunde“ hatte – mit denen hätte ich zwar sprechen dürfen, aber dafür wären sie einer schrecklichen Konstellation ausgeliefert gewesen -, oder sie hätten zwar zueinander gepasst, dann hätte ich aber einen von beiden ignorieren müssen. Ein Dilemma… Zum Glück gab es da den RS-Hype aber noch nicht, und so durften wir einfach unbeschwert zusammen glücklich sein!

  2. Ute Rott

    Lieber Thomas,
    wie immer klare Worte, die hoffentlich dem einen oder anderen die Augen öffnen.
    Was muß eigentlich passieren, daß so viele Hundehalter sich nicht immer voller Begeisterung auf den allergrößten Mist werfen? Denken die hin und wieder auch mal an ihre Hunde? Oder ist es wichtiger, dem neuesten Trend nachzurennen? Ich befürchte, das letztere spielt bei vielen einen enorm große Rolle.

  3. Enzo K.

    All die, die ihr hier RS so verteufelt, solltet euch mal um tatsächliche Tierquälereien kümmern. Als da wären z. B. Massentierhaltungen auf viel zu engem Raum, Tierversuche, elende Tiertransporte quer durch Europa, Straßenhundeelend und grausames Abschlachten derselbigen oder auch nur zwanghafte Tiermessies in der Nachbarschaft, Hunde, die ihr Leben in Zwingern verbringen oder auch nur tagtäglich 10 Stunden in Wohnungen auf ihre Halter warten müssen.
    Arbeitet lieber ehrenamtlich in örtlichen Tierheimen anstatt im Internet solche Hasstiraden zu starten.
    Hier wird jede Hilfe gebraucht und außerdem könnt ihr dort wirklich was positives bewirken. Denn alleine durch Worte wird die Welt nicht besser.
    Und ja auch ich bin von RS überzeugt und freue mich, dass ich schon vielen Leuten den Weg in die strukturierte und somit glückliche Hundehaltung weisen konnte.
    Viele glückliche Hunde und ihre Halter beweisen es mir tagtäglich, dass es der richtige Weg ist.

  4. Hilde

    Enzo, man kann durchaus auch zwei- oder mehrgleisig fahren. Engagement hier schließt Engagement dort nicht aus.

  5. Arachne

    @ Enzo K.

    Nur weil man sich hier engagiert, heißt es ja nicht dass man bei anderen Sachen weg schaut. Dafür gibt es dann eigens dafür einen Blog. Im übrigen macht es die Sache aber nicht besser darauf hin zu weisen, dass es anderenorts auch schlimme Sachen gibt.

  6. Brigitta Kramer

    Lieber Enzo K.,

    Hellseher? Oder woher willst Du wissen, daß wir das nicht ohnehin machen? Ich hätte zum Beispiel dazu Deiner Aufforderung, gegen diese Mißstände vorzugehen, nicht bedurft, denn ich engagiere mich schon seit vielen Jahren im Tierschutz. Und alle diese aufgezeigten Horrorszenarien gehören auch dazu. Da staunst Du, was?

    Und ich bin aufmerksam und beobachte, wo immer sich Tierleid abspielt, kann man mit meinem leidenschaftlichen Engagement rechnen.

    Und als ich von RS hörte und mich genauer damit befasste, war mir klar, daß hier auch Handlungsbedarf besteht. Dringend. Denn was dort den Tieren angetan wird, ist meiner Meinung nach nicht gar so viel besser als das von Dir Aufgezeigte.

    Hunden keine Zuneigung zeigen zu dürfen, weil das ja nach Eurer Diktion „krank“ ist und da Hunde nur als „Partnerersatz“ mißbraucht werden. Selten so einen Schwachsinn gehört.

    Oder, fast noch schlimmer, den „Leithund“ alleine für alles zu bestrafen, was das „Rudel falsch macht“. DAS ist krank.

    Nicht „stellungsgerechte“ Welpen aus dem Wurf zu entfernen, eingeschätzte Hunde zu isolieren…usw, wir kennen ja alle diese wahsinnig „tierfreundlichen“ Methoden von RS.

    Davon, wie Menschen manipuliert werden gar nicht erst zu reden. Wenn jemand seine Hunde auf Anweisung einer Person, die sie grade mal ein paar Minuten kennt, trotzdem nicht abgeben möchte, wird diese gerne mal als: Total Verblödet, mit zu geringem IQ, tituliert und unter Druck gesetzt.

    Bei aller Dramatik ist die Sache obendrein auch noch ein wenig lächerlich, schaut man sich Einschätzungsvideos von Frau Nowak an. Ehrlich, mich hats fast amüsiert. Wie sie die Gedanken der Hunde erraten hat und diese mit dramatischer Stimme uns Ungläubigen übersetzt! Diese telepatischen Fähigkeiten sind echt grandios.

    Das Lächeln hält leider nicht lange an. Schon wieder ein Bericht hier von einer Teilnehmerin eines RS-Workshops. Ihr sagt doch immer, wir sollen uns die Sache mit eigenen Augen auf einem WS anschauen. Die Leute hier, die ihre Erlebnisse schildern, haben das getan. Und nicht nur sie, wir alle sind geschockt, was sie und ihre Hunde dort erleben mußten.

    Dies alles findest Du in Ordnung?

    Danke auch für Deine Anregung, ehrenamtlich in Tierheimen zu arbeiten. Gute Idee. Nur daß ich diese schon vor 25 Jahren umgesetzt hatte – mich in der Obdachlosenhilfe engagiert habe und voll berufstätig war. Denn daß die Welt „allein durch Worte“ nicht besser wird, dazu brauch ich Dich wahrlich nicht.

    Trotzdem sind Worte wichtig, gerade im Fall RS. Denn Worte klären auf, können den Einen oder Anderen aufrütteln, zum Denken anregen.

    Wir werden und können es nicht hinnehmen, daß Hunde auf Grund einer „Lehre“, die keinerlei nachweisbares Fundament hat, zu einem RS-Leben verurteilt werden. Wir tun das mit Worten und Engagement. Und diese Seite ist dafür sehr sehr wichtig. Danke.

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