Der Verständigungsschlüssel zur Rudelstellung

Seit einigen Jahren offeriert ein „Verein für vererbte Rudelstellungen e.V.“ Dienste zur Hunde-Einschätzung und -Haltung nach der „Karl-Werner-Rudelstellungslehre“. Auch das ZDF rührte zur Förderung seiner „Hundeflüsterin“-Serie kräftig die Werbetrommel für den Verein. Zeitweilig erfuhr die Rudelstellungslehre durch die ZDF-Werbung großen Zulauf. Sie bot eine verblüffend einfache Erklärung für alle „Hundeprobleme“ und gewann so Tausende von Anhängern in Deutschland. Andere fragten sich: Ist der Verein seriös? Können Hunde wirklich angeborene Rudelstellungen haben? Und wurden diese gar, wie das ZDF ernsthaft auf seiner Website behauptete, von einem „Adels-Rudelzüchter Karl Werner“ entdeckt?

Wikipedia antwortet „Nein“. Demnach sei die Rudelstellungslehre eine neu erfundene „Pseudowissenschaft mit kommerziellem Hintergrund“. Allerdings keine harmlose, denn Aussteiger beschrieben massive Verhaltensstörungen bei Hunden, die lange „in Stellung“ gehalten wurden; etliche starben oder wurden kurzerhand eingeschläfert. Dabei klingt die Grundidee zunächst originell: Bei Hunden gibt es 7 Kasten, vom Verein als „Rudelstellungen“ bezeichnet. Jeder Hund wird in einer der sieben „Stellungen“ geboren und bleibt darin sein Leben lang. Sie bestimmt sein ganzes Wesen und Verhalten. Wie in menschlichen Kastengesellschaften gibt es Parias, die „Bindehunde“, mit denen man möglichst nicht interagieren soll. Für Menschenkontakt, sprachlich und „telepathisch“, sind allein die „Leithunde“ zuständig. Glücklicherweise stellen sich Einzelhunde zahlungskräftiger Kunden stets als „Leithund“ heraus.

Hält man Hunde rudelstellungsgerecht, lösen sich fast alle Probleme. Wesentlich dafür sind fester Glaube und richtige innere Einstellung des Hundehalters. Benimmt sich der Hund dennoch nicht seiner Rudelstellung gemäß, ist er „asozial“ und sollte „korrigiert“ werden. Bei Haltung mehrerer Hunde müssen die Rudelstellungen zueinander passen, andernfalls herrscht „Unstruktur“. Für unpassend erklärte Hunde sind strikt zu trennen oder auf der Tauschbörse des Vereins abzugeben.

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Jeder Interessent muss zunächst die Stellung seines Hundes auf einem nicht ganz billigen „Workshop“ einschätzen lassen. Denn für normale Menschen sind die angeborenen Rudelstellungen nicht sichtbar. Allein die Erfinderin der Lehre, Barbara Ertel, besitzt die Fähigkeit, die Rudelstellung eines Hundes zu erkennen. Mit diesen Behauptungen erzielte sie über eine Scheinfirma hohe Einnahmen durch Einschätzungen und allerlei ähnliche Angebote.

Die Lehre der vererbten Rudelstellung (kurz RS) mit ihrer Führerin und ihrer teils eifernden Gefolgschaft steht nicht allein. Sektenähnliche Strukturen mit kommerziellem Hintergrund findet man heutzutage in vielen Bereichen, von Esoterik und Religion über Gesundheit und Lebenshilfe bis hin zur Vorhersage von Börsenkursen. Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung solcher Lehren spielen nicht nur kommerzielle Motive, sondern auch Formen der Wahrnehmungsverzerrung durch Konformitätsdruck und Bestätigungsfehler. Wir möchten auf diesem Blog exemplarisch die Rudelstellungslehre und ihren Wahrheitsgehalt unter die Lupe nehmen. Also haben wir unter anderem

Führende Experten – Kanidenforscher, Zoologen, Verhaltensbiologen und Genetiker, Tierschützer, Züchter, Hundetrainer und Meuteführer – wurden in Interviews zu vermeintlichen und tatsächlichen Rudelstellungen befragt. Die in Hunde- und Wolfsverbänden real beobachteten Strukturen sind in Fachartikeln erläutert. In Erfahrungsberichten schildern Hundehalter, die sich – zumindest vorübergehend – auf die Rudelstellungslehre eingelassen haben, ihre teils bizarren Erlebnisse. Einen Überblick finden Sie unter Fragen und Antworten.


Mittlerweile (2017) sind die vererbten Rudelstellungen Vergangenheit. Der Verein ist pleite, die Scheinfirma liquidiert, die Anhängergemeinde verschwunden, und sogar das ZDF hat alle Spuren seiner peinlichen Esoterik-Werbung im Webauftritt getilgt. Nur noch einige Ertel-Getreue rudeln unbeirrt weiter. Dennoch wollen wir diese Website online lassen. Sie bietet nicht nur Einblick in Entstehung, Verbreitung und Kommerzialisierung eines esoterischen Narrativs, sondern auch eine Fülle interessanter Fachartikel zum Gruppenverhalten von Hunden und Wölfen.

Die geäußerten Ansichten auf diesem Blog sind stets die des jeweiligen Autors oder Interviewpartners, also nicht „unparteiisch“. Wir bemühen uns aber um Fairness und achten darauf, dass alle hier in Artikeln veröffentlichten Informationen nachvollziehbar und belegbar sind. Alle Quellen, soweit nicht sowieso aus dem Zusammenhang ersichtlich, sind am Ende des Artikels aufgeführt. Alle Kommentare geben nur die Meinungen ihrer Verfasser wieder.

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