RS – eine Einschätzung

Warum hat Karl Werner immer von „vererbter“ Rudelstellung gesprochen?

„Weil er aufgrund des ihm von seinem Vater und Großvater übermittelten Wissens und seiner eigenen Erfahrungen anhand der im Bestand eines Züchters vorhandenen Stellungen vorhersagen konnte, welche Stellungen dort im erwarteten Wurf vorhanden sein würden. Es stimmte immer.“
(Aus: www.rudelstellungen.eu/wissen/vererbte-rudelstellung, Einleitung  1. Satz)

So geschrieben von Barbara Mohrenstein-Ertel (Ertel),  der Initiatorin und Vorsitzenden des Vereins „Vererbte Rudelstellungen der Hunde e.V“ ; in Personalunion Geschäftsführerin der Firma „Zentrum vererbte Rudelstellungen der Hunde UG“ (ZVR).

erste_Sequenz_02In ihrem 2012 erschienenen  Buch „Der Verständigungsschlüssel zum Hund“ relativiert sich dieses Es stimmte immer“ in ein „…lässt sich weitaus häufiger, als es durch Zufall erklärbar wäre, vorhersagen…“. Wie viele Stellungen wurden dann falsch vorhergesagt? Und woher weiß Ertel, welche richtig waren? Die schwammige Behauptung gleicht dann doch eher dem Blick in die Glaskugel als einer wissenschaftlich fundierten Aussage.

Überhaupt relativiert sich bei näherer Betrachtung so Einiges an diesem Rudelstellungskonstrukt, angefangen bei der bebilderten Zeitgeschichte des „Lehrmeisters“ von Ertel, über die rasante Entwicklung der Vorstellungen über artgerechte Haltung von Hunden bis hin zur heutigen Vermarktung dieser angeblichen „Wissenschaft der vererbten Rudelstellungen“, wie sie sich im Hier und Jetzt präsentiert.

So beschreiben Zeitzeugen des Karl Werner diesen als überaus rechtschaffenen, aber doch recht einfachen Mann, dessen Leben seine Gärtnerei war. Die Hundezucht betrieb er als Hobby nebenbei. Eigentlich sollte eine Buchveröffentlichung einer ordentlichen Recherche standhalten und nicht auf Jugenderinnerungen basieren, die im Laufe von vier Jahrzehnten glorifiziert wurden und auch in der chronologischen Reihenfolge etwas durcheinander geraten sind.

erste_Sequenz_03So spricht Ertel davon, einen Hund aus dem letzten Wurf des Karl Werner erhalten zu haben – nach erfolgreich absolvierter „Lehrzeit“ im September des Jahres 1969 … wobei nach den sehr akribisch geführten Zuchtbüchern des ersten Eurasier-Vereins der letzte Wurf im Hause Werner 1968 unter dem Zwingernamen „Pflänzerland“ gefallen ist. 1969 gab es keinen Wurf mehr.

Ertels Behauptungen,  lange in Spanien, Portugal, Bulgarien und der Türkei verwilderte Straßenhunderudel beobachtet zu haben, wurden nie näher ausgeführt.  Auch für ihre angebliche Arbeit mit spanischen Meutehundeführern mit diesem Wissen gibt es keinen Beleg, und die Ankündigung weiterer Ergebnisse verlief im Sand. Erstaunlich auch die Widersprüche, wie Ertel  ihre jahrzehntelangen Erfahrungen mit den „vererbten Rudelstellungen“ umgesetzt hat, bevor sie eine eigene Anhängerschaft hatte und bevor diese Idee eine lukrative Einnahmequelle wurde.

Nicht erstaunt hat mich dagegen, dass sich angebliche Fakten bei genauerer Betrachtung als geschickte Manipulation herausstellten zu dem Zweck, anderen eine „Wahrheit“ in der Sache „vererbte Rudelstellungen“ vorzugaukeln. So wurde z. B. die Luftaufnahme eines Wolfrudels im Tiefschnee des Wildbiologen und renommierten Filmemachers Chadden Hunter als Demonstration für die Kenntnisse Ertels und als Beweis für die Richtigkeit dieser „Theorie“ auf der Homepage unter dem Thema „Wölfe“ veröffentlicht. Dies sogar in einem Kontext, welcher dem Leser suggerierte, dass Chadden Hunter dieses Foto eigens für diese Thematik zur Verfügung gestellt hat.

erste_Sequenz_07Diese Dokumentation ist genauso verschwunden wie der Artikel aus der „Hundewelt“, der ungenehmigt veröffentlicht wurde im Versuch, das Ganze als vermeintlich wissenschaftlich fundiert darzustellen. Ersetzt durch den Hinweis auf eine genetische Forschung, welche sich angeblich mit der Beweisführung der „vererbten Rudelstellungen“ befasst. Ein konfuser Text zu diesem Thema verwirrt mehr, als Aufklärung zu schaffen. Überhaupt wird es mit der Wissenschaft nicht allzu genau genommen.

Statt dessen wird mit großer Selbstsicherheit dieses „Wissen“ um „vererbte Rudelstellungen beim Hund“ sowohl auf der Homepage als auch auf den kostenpflichtigen „Einschätzungs-Workshops“ von Ertel verbreitet. Sie lehnt dabei nicht nur jegliche wissenschaftliche Fragestellung ab, sondern geht noch weiter und behauptet: Man müsse es nur einmal (persönlich = gegen Teilnahmegebühr) GESEHEN haben, um zu verstehen … dass man sämtliche bisherigen kynologischen Erkenntnisse über Bord werfen kann, weil ihnen nicht die Betrachtung der „vererbten Rudelstellungen“ zugrunde liegt und die Wissenschaft deshalb völlig falsche Schlüsse zum Ergründen des „Wesens“ unserer Hunde zieht.

Damit wird jeglichem wissenschaftlich-fundierten Einwand seitens der RS-Kritiker ausgewichen. Tür und Tor sind weit geöffnet für diejenigen, die sich sowieso nicht mit wissenschaftlichen Betrachtungen befassen wollen, sondern lieber – involviert in den Sog einer mit sektiererischen Tendenzen  ausgestatteten Gemeinschaft – mit ihren Hunden das machen, was Menschen mit Hunden machen, seit sie diese zu Domestikationsobjekten auserkoren haben: Sie formen Hunde nach ihrem Willen …

erste_Sequenz_05Allerdings hat dieses zunächst begrenzt auftretende „Rudelstellungsphänomen“ durch die Sendung einer „Hundeflüsterin“ in den öffentlich-rechtlichen Medien (ZDF) mittlerweile einen Hype hervorgerufen, der sogar anerkannte Kapazitäten aus dem kynologischen Bereich dazu veranlasste, sich in Artikeln und Interviews dieses Phänomens anzunehmen, um diesem und den daran anhängenden schwerwiegenden Folgen entgegen zu wirken.

Um hier nur die schlimmsten Folgen einer Einschätzung nach Ertel zu nennen:

  • Abgabe von „nicht passenden“ Hunden, auch wenn diese schon über Jahre problemlos und friedlich im Hausbestand lebten
  • Hinzunahme von einem oder mehreren „passenden“ Hunden bei Hundehaltern, welche oftmals schon mit EINEM Hund überfordert sind; versprochen wird die Auflösung der Probleme durch die Vergesellschaftung mit „passenden“ Hunden
  • Änderungen der Zuchtvorgaben, indem auf aktuelle wissenschaftliche Kenntnisse verzichtet wird, weil Hunde nach RS-Richtlinien gezüchtet angeblich wesensfester und gesünder sind
  • Hundetauschbörsen
  • Vermeidung von Hundekontakten außerhalb des eigenen Hausbestandes bis hin zur isolierten Haltung im Garten
  • Fehleinschätzungen und die Folgen
  • Gescheiterte Vergesellschaftungen angeblich „passender“ Hunde
  • Beißvorfälle bei den Workshops

erste_Sequenz_04Darüber hinaus wettert Ertel zwar gegen den Auslandstierschutz – baut aber derzeit gerade selber einen weiteren Geschäfts-Zweig mit „eingeschätzten Hunden“ aus dem Auslandstierschutz auf. Die „Insassen deutscher Tierheime“ sind laut Ertel durch deutsche Hundehaltung unwiderruflich „verdorben“. Gleichzeitig lobt sie die noch „unverdorbenen“ Straßenhunde aus dem Ausland.

Des Weiteren sind die Interpretationen zu gezeigtem Verhalten sowohl bei den Einschätzungen als auch bei den sogenannten „Gegenschätzungen mit schon eingeschätzten Hunden“ als auch bei den sogenannten „Stellungsläufen“ zwar als überaus originell zu bezeichnen; leider widersprechen diese Interpretationen jedoch in allen Punkten dem real betrachteten und auf wissenschaftlichen (kynologischen) Fakten basierenden Verhalten (s. a. Bloch, GansloßerBaumann).

Alles in allem lässt sich zu diesem Rudelstellungs-Konstrukt nichts anderes sagen als: Ein Phantasieprodukt einer aus dem Irgendwo aufgetauchten „Hundeversteherin“, die vom Geldverdienen deutlich mehr zu verstehen scheint als von Hunden.

Auf dem Klargestellt-Blog findet ihr Erfahrungsberichte von Workshop-Teilnehmern, Kommentare und Interviews anerkannter Fachleute aus dem kynologischen Bereich, sowie diverse Links zu weiteren Veröffentlichungen.erste_Sequenz_01

Mit unstrukturiertem, dafür glücklichem „Wuff“

Eure Marcolino

TOP

5 Gedanken zu „RS – eine Einschätzung

  1. Timbra

    Welcher Tierschutzverein, zum Geier, gibt an diese Frau Hunde ab und dann womöglich noch für irgendwelche abstrusen Experimente?!

  2. Susanne

    @Timbra: es gibt nach meinen Recherchen nur einen Deutschen Verein, der in Italien aktiv ist und im Zeitraum Februar und März 2014 Spenden für so genannte Ausreisepatenschaften, bzw. Impf- und Pensionskosten für eine „Volpinogruppe“ gesammelt hat: im April 2014 kam eine Volpinogruppe bei Frau Ertel zum Start des Volpino-Experiments an…….. Zufall?

  3. Rosi

    @Susanne

    Wie heißt denn dieser eine deutsche Verein? Also ich kenne bei solchen Dingen überhaupt keine Skrupel und/oder Berührungsängste. Auch diesen Verein würde ich um eine Stellungnahme bitten. Insbesondere interessiert mich natürlich auch das Schicksal dieses einen hungernden „BH’s“:
    http://rudelstellungen-klargestellt.de/?p=195

    PS: In der Zwischenzeit werde ich diesen Blog hier in der Schweiz verteilen, was das Zeug hält … sonst kommt hier noch einer auf die Idee, den Krams auch noch zu importieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.