Interview mit Stefan Kirchhoff

Stefan Kirchhoff arbeitete zwölf Jahre lang hauptberuflich als Tierpfleger im Tierschutz. Nach seiner Tierpflegerlehre leitete er in Italien eineinhalb Jahre lang als stellvertretender Projektleiter das „Tuscany Dog Project“ von Günther Bloch. Danach war er für fünf Jahre als Tierheimleiter tätig. Der Auslandstierschutz und die Vermittlung von Auslandshunden aus Rumänien und Ungarn gehörten dabei zu seinen Tätigkeiten. Während dieser Zeit bereiste Stefan Kirchhoff beruflich und privat diverse Länder wie Ungarn, Rumänien und Spanien (Teneriffa). Um die bereits durch diese Reisen gewonnenen Erkenntnisse weiter zu vertiefen, gab er die Arbeit im praktischen Tierschutz auf und bereiste mit seinem dreißig Jahre alten Wohnmobil drei Monate lang Italien, Griechenland, die Türkei, Bulgarien, Rumänien, Serbien, Slowenien und Kroatien, um das Leben der Straßenhunde fotografisch zu dokumentieren. Nach seiner Rückkehr schrieb er über seine Erfahrungen mit Straßenhunden ein Buch und gründete eine Hundeschule.

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© Stefan Kirchhoff

 klargestellt: Da man inzwischen weiß, dass Wölfe in Familienverbänden zusammenleben, wird der Begriff „Rudel“ in diesem Zusammenhang heute nicht mehr gerne verwendet. Inwiefern lässt sich der Begriff „Rudel“ auf mehrere zusammenlebende Hunde, die in der Regel eher selten miteinander verwandt sind, anwenden?

Kirchhoff: Gar nicht. Das Tuscany Dog Projekt von Günther Bloch hat uns gezeigt, dass auch Hunde dazu in der Lage sind, ein Rudel zu bilden. Allerdings ist u.a. ein verwandtschaftliches Verhältnis dafür notwendig, und dies kommt meines Erachtens sehr selten vor. Ich habe über 25 Gruppen dokumentiert, davon war eine Gruppe dabei, die sich verhielt wie ein Rudel. Die anderen, also der Großteil aller in Gruppen lebenden Straßenhunde, lebten in losen Lebensgemeinschaften. Bestätigt wird das von McDonald und Carr, die 1995 die Sozialstruktur von Streunern als „fuchsähnlich“ bezeichneten. Typische Verhaltensweisen eines Rudels sind z.B. gemeinsame Gefahrenabwehr, gemeinsame Aktivitäten außerhalb des Kernreviers, Chorheulen, enges Kontaktliegen, häufigere soziopositive Kontakte. Kurz gesagt sind zusammengewürfelte Konstellationen von Hunden als Gruppe und nicht als Rudel zu bezeichnen. Egal ob sie beim Menschen leben oder auf der Straße.

klargestellt: Frau Ertel beschreibt den Aufbau eines „strukturierten Rudels“ so, dass sich zunächst zwei „Eckhunde“ unterschiedlichen Geschlechts zusammenfinden. Diese Tiere nähmen sich dann von außen nach und nach in bestimmter, „passender“ Reihenfolge weitere vier erwachsene Tiere, sogenannte „Bindehunde“ auf. Zum Schluss vervollständigt dann der dritte „Eckhund“ das perfekte Siebenerrudel. Hat man eine solche Vorgehensweise bei verwilderten Haushunden beobachten können?

Kirchhoff: Nein. Das wäre auch ein Widerspruch in sich. Wer heute anzweifelt, dass ein Rudel eine Familie darstellt, ignoriert die tatsächlich gemachten wissenschaftlichen Arbeiten der letzten Jahre. Bei der Art und Weise wie Frau Ertel die Entstehung eines Rudels beschreibt, handelt es sich eigentlich nicht um ein Rudel, sondern um eine Gruppe. Unabhängig von der Definition Rudel/Gruppe – eine solche Aussage zu treffen, müsste heißen, ganz konkrete Beobachtungen gemacht zu haben, die meines Erachtens nur mit sehr aufwändigen und langen Beobachtungszeiten möglich wären. Bei Gruppen ist es sehr schwer zu sagen, wie, wann und warum sich zwei oder mehr Hunde zusammentun. Stellen Sie sich diese Beobachtungen in der Praxis vor. Sie laufen durch eine Stadt wie Bukarest und begegnen ständig einen Straßenhund, den müssten Sie solange verfolgen, bis sie eben genau die von Frau Ertel beschriebenen Beobachtungen machen können. Da es aber oft so ist, dass die Hunde entweder alleine oder bereits in einer Gruppe leben, ist die Wahrscheinlichkeit, einen Hund zu finden, der einen anderen „Eckhund“ sucht, extrem gering. Wenn Sie diesen dann gefunden haben, könnte es wochenlang dauern, bis er sich einem anderen Hund anschließt, warum auch immer. Dann gehen die Beobachtungen weiter. Die Tiere müssten über einen sehr langen Zeitraum und rund um die Uhr beobachtet werden. Dazu kommt, dass Sie um solch eine aus dem Rahmen springende These zu bestätigen, nicht nur eine Entstehung des „Pseudorudels“ dokumentieren müssten, sondern einige mehr. Ohne Telemetrie, ethologischen Knowhow, viel Geld, Zeit und Hilfe von anderen Menschen, ein Ding der Unmöglichkeit. Bei der Behauptung, dass ein solches Pseudorudel immer aus sieben Hunden bestehen müsse, ist es für mich sehr schwer, noch sachlich zu bleiben. Weder bei den Gruppen noch bei den Rudeln waren es exakt sieben Hunde und wenn, dann war es Zufall.

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Klassisches Rudelverhalten. Soziopositives Verhalten ist in einem Rudel ausgeprägter und häufiger als in einer Gruppe. Bei diesen Hunden ist die Verwandtschaft auch deutlich zu sehen. © Stefan Kirchhoff

klargestellt: Im Gegensatz zu „strukturierten Rudeln“ beobachtet man gemäß Ertel eher lose Verbände. Laut Rudelstellungslehre sind Hunde in solchen Verbänden ausschließlich „Bindehunde“, die sich „asozial“ verhalten und ständig um ihre Rudelposition kämpfen. Haben Sie dies beobachten können?

Kirchhoff: Wie bereits beschrieben, halte auch ich die meisten freilebenden Hunde in Gruppen für lose Verbände. Eine Aussage, welche genaue soziale Ordnung in diesen Gruppen herrscht, kann ich nicht genau machen, da meine Zeit sehr begrenzt war und ich in drei Monaten mehrere Gruppen dokumentierte. Letztlich bin auch ich kein Wissenschaftler mit entsprechenden Mitteln. Ein Sozialsystem in einer Gruppe zu entschlüsseln, macht man nicht einfach so nebenbei. Es wäre also eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Was ich aber sagen kann, ist, dass ich innerhalb der verschiedenen Gruppen keinerlei übersteigerte Aggression oder ständige „Rangordnungskämpfe“, sofern es diese überhaupt gibt, gesehen hatte. Ganz allgemein habe ich auf der Straße wenig aggressive Auseinandersetzungen gesehen. Beschädigungsbeißen kam hauptsächlich während der Läufigkeit vor.

Auch bei diesem Beispiel sollte man einfach mal praktisch denken. In einer Gruppe zu leben, in der man sich ständig behaupten und irgendwelche Kämpfe austragen muss, hieße in einer ständigen sozialen Unordnung zu leben, das hält kein Tier oder Mensch für längere Zeit aus. Allein der dadurch entstehende Energieverbrauch! Dies ist biologisch gesehen völlig sinnlos und entspricht auch nicht ansatzweise der Natur des Hundes.

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Harmonisches Gruppenruhen. ©Stefan Kirchhoff

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Natürlich knallt es auch mal innerhalb einer Gruppe, aber alles im fairen Bereich und vor allen nicht ständig. © Stefan Kirchhoff

 klargestellt: Einzelhunde unter den Straßenhunden werden als „Eckhunde“ bezeichnet. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass diese Hunde lieber alleine bleiben, als in einem losen Verband für Struktur zu sorgen?

Kirchhoff: Über „Eckhunde“ kann ich nichts erzählen, ich kenne keine. Aber ich habe einige Einzelgänger auf der Straße gesehen und wenn man darüber spekulieren möchte, warum sie alleine sind, kommt man auf verschiedene Möglichkeiten. Erstens: der Hund ist gar kein Einzelgänger, sondern gerade solo unterwegs. Zweitens: der Hund wurde gerade erst ausgesetzt. Drittens: es ist ein freilaufender Besitzerhund, der alleine gehalten wird. Viertens: Der Hund verzichtet auf die Vorteile des Gruppenlebens. Fünftens: Der Hund mag keine anderen Hunde.

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Ein Vorteil des Gruppenlebens ist, das es immer einen anderen Hund gibt der aufpasst. ©Stefan Kirchhoff

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Dieser Hund hat eine sichere Unterkunft, vielleicht ist das der Grund, warum er alleine bleiben möchte. © Stefan Kirchhoff

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klargestellt: In wie weit lässt sich das Zusammenleben mehrerer (Straßen-) Hunde mit dem eines frei lebenden Wolfsverbandes vergleichen?

Kirchhoff: Hier ins Detail zu gehen, würde den Rahmen sprengen. Bei dem Tuscany Dog Projekt von Günther Bloch haben wir viele analoge Verhaltensweisen zwischen den Hunden und Wölfen gesehen, aber beides sind Familienverbände. Bei den Gruppen sieht es sicherlich noch etwas anders aus, aber das ist noch nicht wirklich detailliert erforscht. Trotzdem kann man Vergleiche ziehen und viel daraus lernen. Man muss aber aufpassen, nicht zu vorschnell zu spekulieren, um diese Spekulationen in die Hundeerziehung einfließen zu lassen. Schließlich ist eine Mensch/Hund- Gruppe auch nochmal was anderes.

klargestellt: Ein Ziel der Rudelstellungslehre ist es, Hunde in „strukturierten Rudeln“ zusammenzuführen und jeglichen menschlichen Einfluss zu minimieren. Hundesport, Erziehung, das Anstreben einer Beziehung Mensch-Hund etc. gelten als menschlicher Egoismus, der den Tieren schade. Befreit eine solche Bindungs- und Beziehungslosigkeit Ihrer Meinung nach den Hund tatsächlich von der Last für den Menschen da sein zu müssen?

Kirchhoff: Na ja, generell gesagt, muss ich als Hundebesitzer ja nicht zwangsläufig eine Bindung oder Beziehung durch Hundesport oder Erziehung aufbauen. Unser Alltag, in dem der Hund irgendwie Platz finden muss, erfordert dies aber zumeist. Das beste Beispiel sind die Punks mit ihren Hunden. Ich habe noch nie einen auf der Straße lebenden Punk gesehen, der seine Hunde klickert, ein Hundebuch liest oder zur Hundeschule geht. Trotzdem kann jeder Hundebesitzer vor Neid erblassen, wenn er sieht, wie harmonisch diese Menschen mit ihren Hunden unangeleint durch die Stadt laufen (zumindest in den meisten Fällen). Das liegt aber sicherlich auch nicht daran, dass sie ihre Hunde nach der Rudelstellungslehre zusammengestellt haben. Vielmehr liegt es daran, dass die Hunde permanent mit ihren Besitzern zusammen sind, der Hund zwar geliebt wird, aber immer noch ein Hund ist. Punks sind viel unterwegs und draußen, die Hunde sind ihrer Umwelt permanent ausgesetzt und nicht 20 Stunden am Tag im Haus eingesperrt, sie haben viel Kontakt zu Artgenossen, zu den gruppeninternen als auch den gruppenfremden. Dadurch sind sie voll ausgelastet und zeigen oft ein sehr entspanntes Wesen mit einer hervorragenden Bindung. Leider können “normale“ Hundebesitzer ihren Hunden solch ein Leben nicht bieten. Das hat zur Folge, dass Probleme entstehen können, die eine Erziehungs- und Bindungsarbeit erforderlich machen. In diesem Fall schaden wir den Hunden nicht, sondern helfen ihnen mit unserem für den Hund eher langweiligen Alltag zurechtzukommen.

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Straßenhunde haben immer etwas zu beobachten. Sie sind mitten in ihrer Umwelt. Das bloße Gucken sorgt für Auslastung. © Stefan Kirchhoff

klargestellt: Wäre es möglich, mit solcherart gehaltenen Hunden ohne Gefahr zum Beispiel durch wildreiches Gelände zu laufen und die Hunde dort abzuleinen? Oder müsste man davon ausgehen, dass die Hunde, wolfsgruppenähnlich u. U. gemeinsam zur Jagd ansetzen?

Kirchhoff: Das ist individuell zu betrachten. Es gibt keine Erziehungsmethode, die das Jagdverhalten mit einer Garantie für jeden Hund unterbindet.

klargestellt: Erziehung, so die Lehre, zerstöre den Hund. In Beiträgen auf dem Rudelstellungsforum lässt sich daher immer wieder lesen, dass die Hunde nicht mehr auf Kommandos, z.B. Rückruf, reagieren. Kann es sein, dass Hunde durch – gewaltfreie – Erziehung und Konditionierung an ihrer psychischen Gesundheit Schaden nehmen?

Kirchhoff: Nein. Wenn alles richtig gemacht wird und das Training auf Hund und Halter zugeschnitten ist, dann ist es sicherlich nicht schädlich, sondern hilft dem Hund, sich zu orientieren und ihm mehr Freiheiten zu ermöglichen. Der Rückruf z.B. muss antrainiert werden. Wenn ich den Hund erzieherisch nicht einschränke und den Rückruf nicht durchsetze, muss ich mich auch nicht wundern, dass der Hund tut was er will. Das Ergebnis sehen wir sonntags morgens bei schönem Wetter an beliebten Gassiegehgebieten. Die meisten Hunde rennen chaotisch durch die Gegend und reagieren nicht auf Rückruf. Als Alternative bekommen wir dann immer zu hören, dass der Hund ja nur spielen will usw. Das geht solange gut, bis sich einer vom Hund bedroht fühlt oder tatsächlich etwas passiert. Das ist mit ein Grund, warum wir heute Hundegesetze haben. Die Folge ist, dass der Hund nur noch an der Leine geht oder nach Frau Ertel gar nicht mehr spazieren gehen darf. Na prima, das nenne ich Fortschritt.

klargestellt: Zu „Forschungszwecken“ werden derzeit fünf aus Italien importierte „eloähnliche Volpinomischlinge“ beobachtet. Laut Rudelstellungsverein handelt es sich hierbei um etwa 4 Jahre alte Vollgeschwister (2 Rüden, 3 Hündinnen), die von Geburt an „strukturiert“, das hat Frau Ertel „festgestellt“, zusammenleben. Sie wuchsen „vergessen“ in einem Canile auf und hatten, so heißt es, weder zu anderen Hunden, noch zu Menschen nennenswerten Kontakt. Diese als extrem menschenscheu beschriebene Hundegruppe wird nun auf einem 350qm² großen Grundstück gehalten und weitgehend sich selbst überlassen. Haben Sie eine Idee, in welcher Weise sich aus diesem Experiment Rückschlüsse auf eine genetisch bedingte „Rudelstellung“ ziehen ließe?

Kirchhoff: Es ist ja schon mal lobenswert, dass man diese Theorie auch wissenschaftlich belegen möchte. Ich wundere mich gerade nur über die Reihenfolge. Eigentlich sollte es so sein, dass man, ganz einfach ausgedrückt, erst beobachtet, dann eine Hypothese erstellt, weiter beobachtet, die Antithese versucht zu bestätigen, um daraus dann Rückschlüsse zu ziehen. Sollte sich was bestätigen, sollten dann weitere Beobachtungen vorgenommen werden. Erst dann sollte man die daraus entstandenen Erkenntnisse veröffentlichen. Oder man schreibt, dass es nur eine Vermutung ist. Frau Ertel macht es genau andersherum. Sie ist ja bereits völlig von ihrem Konzept überzeugt. Was soll da rauskommen? Und welcher Wissenschaftler leitet dieses Forschungsprojekt? Und dann halte ich das Gelände nicht gerade für groß. Gewisse Beobachtungen lassen sich auch auf kleinem Terrain machen, wie z.B. Liegepositionen, Gefahrenabwehr, Interaktionen, Wer macht was mit wem? Aber gerade beim Erkundungsverhalten, wie z.B. wer leitet in welcher Situation, wer orientiert sich an wem, wer nimmt wann welche Stellung ein, wird es schon sehr knapp. Diese Frage sollte aber auch nochmal an einen richtigen Wissenschaftler, der ich ja auch nicht bin, gestellt werden.

 „Eine Zufalls-Beobachtung kann in der Tat jeder machen. Aber von ihr bis zu einer großen Ahnung, dass etwas Bedeutsames dahinter steckt, ist ein großer Schritt, und ein noch größerer von dieser Ahnung bis zur klaren wissenschaftlichen Erkenntnis, was dieses Etwas ist.“
Max von Laue

klargestellt: Für Frau Ertel ist es außerdem „ziemlich offensichtlich“, dass die Volpinogruppe ursprünglich aus sieben Hunden bestand, von denen zwei „abhanden gekommen“ seien. Halten Sie es für möglich, dass so etwas, selbst in einem italienischen Canile, in dem die Hunde ja aufgewachsen sein sollen, überhaupt nicht bemerkt wird?

Kirchhoff: Das kommt auf das Canile an. Es gibt Tierheime mit über 1000 Hunden. Da kann sowas tatsächlich untergehen. Kommen sie aus einem staatlichen Tierheim, kann es auch sein, dass der Nachwuchs es auf Grund der schlechten Bedingungen nicht geschafft hat oder sie einfach „entsorgt“ wurden. Schließlich bekommt ein staatliches Canile, meistens sind es Gewerbetreibende, nur Geld für Fundtiere.

klargestellt: Die Haltung auf diesem doch sehr kleinen Areal wird damit gerechtfertigt, dass es im Vergleich zum italienischen Canile deutlich größer sei. Halten Sie eine solche Begründung für ausreichend? Ist diese Art der Haltung mit dem Tierschutzgesetz unseres Landes vereinbar?

Kirchhoff: Tatsächlich wäre es für diese Hunde eine Verbesserung der Lebensqualität. Die wenigsten ausländischen Tierheime können ihren Hunden „so viel“ Platz bieten. Staatliche Tierheime schon mal gar nicht. Wenn die Hunde Schutz vor Witterungseinflüssen haben, z.B. in Form von Schutzhütten, ist dies nach dem Tierschutzgesetz leider schon ausreichend. Das Deutsche Tierschutzgesetz hört sich theoretisch gut an, ist aber ein zahnloser Tiger. Zwingerhaltung und Anbindevorrichtung ist unter bestimmten Bedingungen auch erlaubt.

klargestellt: Der Rudelstellungsverein sieht sich als Retter der Hunde, die ursprünglich einzeln vermittelt werden sollten und dank seines Engagements nun zusammenbleiben dürfen. Ist es tatsächlich besser für diese Hunde, sie weiter möglichst isoliert vom Menschen und der Außenwelt in ihrer Gemeinschaft zu halten?

Kirchhoff: Nein. Besser wäre es, zu versuchen, die Lebensqualität der Hunde nochmals zu steigern. Das heißt, sie an den Menschen zu gewöhnen und sie vermittlungsfähig zu machen. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Hunden gemacht, die unter diesen nicht untypischen Bedingungen groß geworden sind, und sie erfolgreich in den Hausstand integriert. Eine Trennung der Hunde ist da meistens auch von Vorteil. Allerdings muss man da sehr behutsam rangehen und wissen was man macht.

klargestellt: Wir wissen nicht, ob diese Volpinos kastriert sind. Es gibt keine Welpen und aus den Informationen des Rudelstellungsvereins lässt sich auch nicht schließen, dass es früher welche gab. Könnte dies bedeuten, dass die Hunde von sich aus Inzucht vermeiden oder halten Sie es für wahrscheinlicher, dass sie kastriert sind?

Kirchhoff: An Inzuchtvermeidung bei Haushunden glaube ich nicht, man kann es aber nicht ganz ausschließen. Sie werden wohl kastriert sein oder die Welpen sind sonst wie verschwunden.

klargestellt: „Anliegen“ des Rudelstellungsvereins bei diesem Experiment ist es: „Gemeinschaften homogener Hundegruppen“, in denen also „die passenden Stellungen zusammenleben dürfen“, zu „schützen“ und „wiederzugeben.“ Mit anderen Worten: man will anhand menschenscheuer Hunde beweisen, dass Hunde, wenn sie nur „stukturiert“ in Ruhe gelassen werden, sehr viel glücklicher sind als solche, die mit dem Menschen zusammenleben (müssen). Was halten Sie von dieser Theorie?

Kirchhoff: Schwierig. Erstens: wie will man „Glück“ messen? Und zweitens muss den Hunden die alternative Haltung, also beim Menschen als Vergleich, angeboten werden. Drittens: eine Gruppe würde da nicht ausreichen um zu signifikanten Aussagen zu kommen.

klargestellt: Weiteres Ziel dieser „Forschungsarbeit“ ist es, die „Stellungstatsachen“, wie der Verein es nennt, verhaltensbiologisch überprüfen und wissenschaftlich nachweisen zu können, so dass künftig bei einer tierärztlichen Untersuchung die betreffende Rudelstellung festgestellt werden könne. Halten Sie das für plausibel? Wie würden Sie ein solches Experiment wissenschaftlich bewerten?

Kirchhoff: Wieso bei einem Tierarzt? Soll man die „Stellung“ des Hundes an seinem Blutbild feststellen können? Das hört sich für mich sehr unplausibel an.

klargestellt: Mittlerweile werden Nachrichten zu diesem „Vopino-Rudel“ nicht mehr veröffentlicht. Zuvor wurde noch mitgeteilt, dass einer der Hunde 10 Tage lang kein Futter zu sich genommen hatte. Eingegriffen wurde nicht. Frau Ertel schrieb dazu: „Eine so diszipliniert geführte Futterarbeit zeigt uns Menschen, dass da etwas gewaltig aus dem Gleichgewicht geraten ist, und genau über diese strenge Futterarbeit bekommt sich der MBH selber auch wieder in den Griff und das ist für das Überleben der Gemeinschaft notwendig. Keine Gemeinschaft braucht einen übernervösen MBH, der individuell innerliche Probleme hat.“ Wie ist dies zu bewerten?

Kirchhoff: Ich glaube nicht, dass ein Hund bewusst 10 Tage lang hungert, um sich selbst in den „Griff“ zu bekommen. Bei zehn Tagen Hungern finde ich es sehr unverantwortlich, als Mensch nicht einzuschreiten.

klargestellt: Die Geschwistergruppe ist, wie Frau Ertel das nennt, ohne „störenden“ Einfluss von außen aufgewachsen, daher konnte sie ihre „ideale Gruppenstruktur“ erhalten. Verhaltensauffälligkeiten wie oben genannte, werden damit erklärt, dass zwei der ursprünglich sieben Hunde nun fehlten. Dass es jemals sieben waren, ist allerdings lediglich eine unbewiesene These Frau Ertels. Wäre diese Begründung nachvollziehbar oder halten Sie andere Gründe für die gezeigten Verhaltensauffälligkeitn für plausibel?

Kirchhoff: Ich halte andere Gründe für wesentlich wahrscheinlicher, siehe nächste Frage.

klargestellt: Ehe der Thread über das „Volpino-Rudel“ aus der Öffentlichkeit verschwand, wurde noch mitgeteilt, der Hund fresse wieder und es habe auch bei einer tierärztlichen Untersuchung keinerlei Beanstandungen gegeben. Könnte es sein, dass ein Sich-Selbst-Überlassen der Hunde damit gerechtfertigt und tatsächlich eine Art Selbsterziehung geschehen ist?

Kirchhoff: Ich bezweifle das sehr stark. Ich habe in 12 Jahren hauptberuflicher Arbeit im Tierschutz und Hunderten von traumatisierten Hunden noch nie erlebt, dass ein Hund 10 Tage nichts frisst, obwohl es keine gesundheitlichen Auffälligkeiten gibt. Die meisten Hunde fangen nach spätestens 2- 3 Tagen an zu fressen. Allerdings haben wir auch dafür gesorgt, dass der Hund permanent Futter zur Verfügung hat, sich in seiner Gruppe traut zu fressen, oder ihn alleine gesetzt, damit er in Ruhe fressen kann, oder wir haben besonderes Futter angeboten. Notfalls mit Handfütterung. Irgendeinen Weg gibt es immer.

Mit ganz klaren Worten ist das Verhalten von Frau Ertel hoch tierschutzrelevant und hat nichts mit Forschung zu tun. Durch das lange Hungern kann es zu Organschäden und anderen gesundheitlichen Folgeschäden kommen. Im Grunde ist das bereits ein Tierversuch, für den es sicherlich keinen Antrag auf Genehmigung eines Tierversuchsvorhabens gibt.

klargestellt: Brauchen Hunde den Menschen? Wie wichtig ist sozialer Kontakt zum Menschen für Hunde generell und wie verhält es sich in einem Fall wie den Volpinos?

Kirchhoff: Das ist völlig unterschiedlich und kommt ganz auf die Sozialisierung, dem Verhalten des Menschen gegenüber dem Hund und den Charakter des Hundes an. Hunde können auch sehr gut ohne den direkten Kontakt zum Menschen auskommen. Hier reden wir dann aber von verwilderten Streunern im Ausland. Für alle anderen Hunde, die sich in Deutschland befinden, sollten wir versuchen, den Hund soweit es geht in unsern Alltag zu integrieren. Sozialisierungsphase hin oder her. Es war für uns immer wieder erstaunlich, wie viel Hunde nachholen können und trotz einer sehr schlechten Vergangenheit noch Vertrauen zum Menschen gewinnen können.

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Nicht alle Straßenhunde sind dem Menschen gegenüber scheu. Im Gegenteil, ich habe viele Streuner erlebt, die die Aufmerksamkeit von Menschen genossen haben. © Stefan Kirchhoff

klargestellt: Lassen sich im Sinne von Forschung und Wissenschaft Rückschlüsse auf natürliches Verhalten durch das Beobachten von fünf Geschwisterhunden in einem 350qm² großen Garten ziehen?

Kirchhoff: Nur bedingt und eher ansatzweise, mit der Voraussetzung, auch Wissenschaftler zu sein oder mit einem wissenschaftlichen Berater zusammen zu arbeiten.

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© Stefan Kirchhoff

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4 Gedanken zu „Interview mit Stefan Kirchhoff

  1. Astrid Dechert

    Für mich ist das Interview sehr lehrreich und wunderbar formuliert.
    Es bringt durch die gesammelten Erfahrungen und Beobachtungen sehr viel erworbene Kenntnis hervor, die ich nachvollziehen kann, da sagt auch ein Bild mehr als 1000 Worte…..!
    Die ruhige und bescheidene Schreib – weise, die ich aus dem Text entnehme, zeugt von Wissen und Professionalität !
    Sehr herzlichen Dank, Herr Kirchhoff !

  2. Arachne

    Vielen Dank. Man merkt das schreibt jemand der weiß wovon der spricht, weil er es selbst erlebt hat.
    Also kein „Wissen“ von „Hören/Sagen“.

  3. Tanja Proksch

    sehr schöner Artikel. Ich kann alles aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Dankbar dass die vielen gut gemeinten Ratschläge eben nicht gut sind und ich zum Glück nur auf meine Intuition hörte. Meine spanische Strassenhündin brauchte ein Jahr um streicheln schön zu finden. Sie wird von mir nur gekuschelt wenn sie will. Spielen macht nur mit Fressen Spaß. Wenn Sie keine Lust auf mich hat und im Garten ihre Streife macht, lasse ich sie. Respekt haben wir beide und brauchen keine Komandos. Wir leben beide glücklich miteinander und auch eine Heirat und ein zweiter Hund änderte diesen Alltag nicht.

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