Interview mit Dr. Adam Miklósi

Dr. Adam Miklósi ist Leiter der ethologischen Fachabteilung der Eötvös-Loránd-Universität Budapest und gilt als einer der führenden Köpfe der aktuellen kynologischen Forschung. Wir freuen uns sehr, dass er sich die Zeit für ein Interview mit uns genommen hat. Herzlichen Dank!

Welpengruppe_01_BeateDr. Miklósi, die spannendste Frage gleich zu Anfang: Liegen Welpen in der Wurfkiste immer in gleichen Positionen?

Miklósi: Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Meines Wissens gibt es überhaupt keine Forschung im Zusammenhang mit dieser Frage. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Welpen immer in der gleichen Position liegen, ist ziemlich klein.

klargestellt: Mit den Beobachtungen an Welpen und ihren Liegepositionen soll ursprünglich Hr. Karl Werner (laut Fr. Barbara Ertel) festgestellt haben, dass es sieben vererbte Rudelstellungen gäbe. Was kann man eigentlich bei Welpen (Hunden bis zur zwölften Woche) schon an Aussagen über den späteren Charakter des Hundes machen? Ab wann ist erkennbar, ob es sich z.B. um einen extrovertierten oder einen introvertierten Zeitgenossen handelt?  Von wie vielen Grundcharakteren kann man bei Hunden allgemein sprechen, und wie sind diese definiert?

Miklósi: Wenn man von der Forschung ausgeht, lassen sich die Eigenschaften des erwachsenen Hundes, seine Persönlichkeitsmerkmale also, nur sehr schwer voraussagen. Die meisten hierzu publizierten Beobachtungen ergaben ein negatives Ergebnis. Nur bei spezifischen Verhaltensweisen, wie z. B. der Tendenz zum Apportieren beim Deutschen Schäferhund, kann man schon in der 12. bis 14. Lebenswoche die Fähigkeiten des späteren Erwachsenen einschätzen.

klargestellt: Kommen in einem Wurf alle Grundcharaktere vor? Gibt es dazu Untersuchungen? Gibt es einen Einfluss des Charakters der Elterntiere?

Miklósi: Ich kenne keine solchen Untersuchungen. Was wir aber von allen Säugetieren und auch über den Menschen wissen, ist, dass die Elterntiere, im Besonderen das Muttertier, einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Nachwuchses haben.

klargestellt: Sind die Grundcharaktere genetisch festgelegt, sind sie sozialisierungsbedingt, umweltbedingt oder ist es eine veränderliche Mischung all dieser Faktoren?

Miklósi: Verhalten beruht auf einem mehr oder weniger starken genetischen Hintergrund, der jedoch während der Entwicklung von der Umwelt beeinflusst wird.

klargestellt: Welchen Einfluss hat die Mutter (und der Vater) auf die Welpen und deren Entwicklung?

Mutter_mit_Kindern_01_BeateMiklósi: Bei Hunden spielt das Muttertier eine wichtige Rolle. Sie beeinflusst die Embryos schon während der Schwangerschaft, hormonell über den Blutkreislauf beispielsweise bis hin zur Futterpräferenz im späteren Leben. Diese Einflüsse sind vielfältig. Es ist auch zu erwarten, dass furchtsame Mütter ihre Ängstlichkeit teilweise auf die Welpen übertragen.


klargestellt: Welchen Einfluss hat die Umwelt und der Mensch auf die Welpen und deren Entwicklung?

Miklósi: Viele Hunde werden schon mit sechs, acht oder zehn Wochen von ihrer Mutter und den Geschwistern getrennt. In diesen ersten Wochen liegt aber die größte Einflussnahme seitens des Menschen. Leider vergessen die Besitzer oft, wie wichtig diese recht kurze Zeit für die Welpen zum Erlernen wichtiger Faktoren ihrer späteren Umwelt ist.

klargestellt: Welche Rahmenbedingungen stellen die Rassenunterschiede dar?

Miklósi: Rassen unterscheiden sich in spezifischen, genetischen Aspekten, die durch gezielte Auswahl zustande kamen. Die moderne Zucht hat viele solcher Rasseneigenschaften geändert. Familienhunde vieler Rassen verhalten sich ziemlich ähnlich.

klargestellt: In der Lehre der „vererbten Rudelstellungen“ wird das Spielen unter Hunden als „arbeiten“ definiert. Was definiert Ihrer Ansicht ein Spiel? Was würde „arbeiten“ unter Hunden bedeuten? Hören Hunde irgendwann altersbedingt auf zu spielen?

Miklósi: Sicher spielen Hunde weniger wenn sie älter werden. Spielen wird meistens als Übung oder Vorbereitung fürs Leben gesehen. Durch das Spiel haben die Tiere die Möglichkeit mit wenig Risiko unterschiedliche Verhaltensweisen zu üben und zu erleben.

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klargestellt:  In einer alternativen Lesart ist  laut “Rudelstellungen” Spielen der reinste Stress für Hunde. Warum spielen Hunde (trotzdem)?

Miklósi: Wie gesagt, Spielen ist Übung, und natürlich ist damit auch ein bisschen Stress verbunden. Das Erleben von Stress muss aber auch geübt werden. Wird der Stress zu viel, hören Hunde normalerweise mit dem Spielen auf.


klargestellt: Herr Miklósi, Sie haben einmal sinngemäß gesagt, dass die Gesellschaft des Menschen die natürliche Umgebung des Hundes darstellt. Und es keinen Sinn mache, Hunde isoliert studieren zu wollen, da die meisten ihrer Verhaltensweisen auf den Sozialkontakt mit Menschen ausgerichtet  sind. Wie kommen Sie zu dieser Ansicht? Macht es in diesem Zusammenhang Sinn, sich über angeborene Stellungen beim Haushund Gedanken zu machen?

Miklósi: Gedanken kann man über alles haben. Das ist ja der Spaß in der Wissenschaft. Um zu argumentieren muss man aber auch wissen, wie man Daten sammelt und evaluiert, also fachgerecht auswertet. Nach Analyse dieser Daten muss man außerdem in der Lage sein, zu verstehen, auf welche Weise die gewonnenen Ergebnisse die Welt erklären. Viele Millionen von Hunden leben mit sehr geringem Kontakt zu Menschen. Also dürfte auch eine hundespezifische Fragestellung begründet sein.

klargestellt: Welchen Versuchsaufbau oder welche Beobachtungsschwerpunkte würden Sie vorschlagen, um genetisch festgelegte Aufgabenbereiche (Stellungen) beim Haushund nachzuweisen bzw. zu erforschen?

Miklósi: Schwere Frage. Nur langfristige Beobachtungen über das ganze Leben hinweg könnten hier helfen. Das hat noch keiner ausprobiert, weil es zu zeitaufwendig und sehr teuer ist.

klargestellt: Wie determiniert / misst ein Wissenschaftler innerartliches Hundeverhalten?

Miklósi: Durch langfristiges Beobachten und Quantifizieren von unterschiedlichen (und gut definierten) Verhaltensweisen.

klargestellt: Die Modewelle der Mehrhundehaltung scheint eine der Ursachen für den Erfolg der These der  „vererbten“ Rudelstellungen zu sein. In diversen Interviews auf unsrem Blog haben wir unter anderem die Frage gestellt: „Was ist ein Rudel“. Was jedoch macht eigentlich eine funktionierende Mehrhundehaltung aus? Welche Faktoren spielen hier eine Rolle?

DreierbundMiklósi: Das größte Problem bei diesem Konzept ist, dass es sicherlich das Schicksal eines Wurfes ist, als erwachsene Hunde voneinander getrennt mit anderen Hunden in Rudeln oder Gruppen zu leben. Aber auch dann ist es nicht schwer, zu begreifen, dass Hunde aufgrund ihrer Persönlichkeiten mit den einen besser auskommen als mit den anderen.


klargestellt: Sie stellen (sich) und der Wissenschaft gerne übergeordnete Fragen nach der Reichweite und den Grenzen der Konditionierung und ob man nicht von wesentlich komplexeren Hirnvorgängen ausgehen sollte. Welche Rolle spielt dabei die individuelle, ererbte Veranlagung des Hundes?

Miklósi: Genetik spielt immer eine Rolle, meistens ist die jedoch gering. Solch kleine Einflüsse kann man nur auf der Ebene der Population erforschen. Aussagen über Individuen sind sinnlos.

klargestellt: Ein in meinen Augen wesentlicher Faktor in einer Mehrhundehaltung ist die Fähigkeit der Hunde zu einem nachahmenden Verhalten und einem Lernen durch Beobachtung anderer Hunde im Sozialverband. Sowohl im positiven Sinne als auch im negativen Sinne, sofern es um die Beurteilung aus Sicht des Hundehalters geht. Auch wird der Mensch offensichtlich von den Hunden sehr genau beobachtet und interpretiert. Gibt es Unterschiede in der Beobachtung von Menschen und Hunden, bezogen auf den Hund? Spielen Artgenossen und Menschen für einen Hund eine gleiche Rolle oder gewichtet sich das unterschiedlich? Gibt es hier rassespezifische Unterschiede?

Miklósi: Ehrlich gesagt wissen Ethologen sehr wenig über solche Situationen. Sicher ist aber, dass jüngere Hunde oder andere, die später in die Familie kommen, im Vergleich zum ersten Hund eine größere Neigung zeigen, von den Hunden zu lernen. Das ist deshalb leicht zu erklären weil der zweite Hund oft mehr Zeit mit seinem Hundekumpel verbringt als mit dem Besitzer. Der denkt oft, die beiden Hunde genügen sich selbst. So ist es kein Wunder, dass als Konsequenz daraus die Beziehung zwischen Hundehalter und zweitem Hund oftmals lockerer ist.

klargestellt: Gibt es in einer Mehrhundehaltung Rangunterschiede zwischen den Hunden?  Sind Rangunterschiede zeitlebens festgeschrieben oder ein dynamischer Prozess, der sich im Verlauf der Jahre verändern kann? Was bestimmt die Hierarchien, wenn sie existieren? Genetisch bedingte Faktoren oder der Erfahrungsschatz des einzelnen Hundes? Welchen Einfluss haben hier rassebedingte Unterschiede?

Miklósi: Sicher gibt’s Rangunterschiede, und die können sich auch ändern. Sowohl individuelle, als auch rassebedingte Faktoren können hierbei eine Rolle spielen. Systematische Forschung gibt es leider nicht. Auch bei Hunden gelten die allgemeinen Regeln. So können Alter, Stärke, Erfahrung usw. das Verhältnis zwischen zwei oder mehr Hunden bestimmen.

klargestellt: Nach der Rudelstellungslehre spielt in einem Rudel weder die Rassezugehörigkeit noch das Geschlecht eine Rolle, lediglich in ihrer Körpergröße sollen die Tiere einander ähnlich sein. Kann man Hunde beliebiger Rassen und ohne Rücksicht auf das Geschlecht zu einem „harmonischen“ Verband zusammenstellen?

Miklósi: Wie gesagt, mit Hunden kann alles passieren und auch das Gegenteil. Einige Besitzer kommen leicht mit Hunderudeln von neun bis zehn Tieren zurecht, während für andere schon zwei Hunde zu viel sind. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass in größeren Gruppen öfter Probleme auftreten. Die entscheidende Frage ist aber, ob die Hundegruppe Problemsituationen zusammen mit dem Menschen effektiv lösen kann.

Kind_u_Hund_01klargestellt: Ist Mehrhundehaltung pauschal die bessere Hundehaltungsform, oder gibt es Gründe, die einer Einzelhundhaltung fürsprechen? Was sollten Hundehalter bedenken, wenn sie sich für eine Mehrhundehaltung entscheiden?

Miklósi: Wenn man eine tiefe Beziehung mit Hunden haben möchte, sollte man nur einen Hund haben.

Persönliche Frage des Autors: Meine drei Fellnasen verzichten irgendwie komplett auf eine Hierarchie untereinander… sind die bekloppt? Sie wären sicherlich begeistert, wenn sie sich auf eine Referenz beziehen können, wenn es um „Wir sind bekloppt, und wir haben das schriftlich“ geht…

Miklósi: Darüber kann ich leider keine Auskunft geben. Hunde haben ihre eigenen Regeln, welche manchmal sehr flexibel sind.

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8 Gedanken zu „Interview mit Dr. Adam Miklósi

  1. Timbra

    Auch von mir herzlichen Dank an Herrn Miklósi für das Interview und an die Seitenbetreiber für ihren Einsatz.

    So sind sie eben, unsere Fellnasen: flexibel und anpassungsfähig – und das macht sie aus. 🙂

  2. Ungerudelt

    Vielen Dank für dieses Interview.

    Diese Aussage gefällt mir besonders:
    Zitat „Miklósi: Sicher gibt’s Rangunterschiede, und die können sich auch ändern. Sowohl individuelle, als auch rassebedingte Faktoren können hierbei eine Rolle spielen. Systematische Forschung gibt es leider nicht. Auch bei Hunden gelten die allgemeinen Regeln. So können Alter, Stärke, Erfahrung usw. das Verhältnis zwischen zwei oder mehr Hunden bestimmen.“

  3. Wortzauberin

    „So können Alter, Stärke, Erfahrung usw. das Verhältnis zwischen zwei oder mehr Hunden bestimmen.“

    Dazu möchte ich nur noch ergänzen: & jeweilige Konstellation.

    Auch von mir ein Danke!

    (Wobei meine nicht mehr im Leben verweilenden Hunde ebenso wie mein derzeitiger Begleiter auch gerne ein zertifiziertes Bekloppt-Zertifikat hätten).

  4. Hannah

    Zu den Schlafbildern sei anzumerken, dass ich neulich Fotos eines FRETTCHEN Wurfs gesehen habe. Die interessanterweise – gem. ihrer Schlafposition mindestens ein mittleres Bindefrettchen, sowie ein Vorderes Leitfrettchen aufweisen. Ehm. Lol???

    Mit ertwas weniger Fantasie erkennt man eigentlich nur, das die fellbewachsenen Minimonster einfach so liegen, um sich gegenseitig den Popo zu wärmen 😉

  5. Tanja

    Ich finde das Wort „Rang“ in deisem Zusammenhang eher irreführend und behaftet. Es hat etwas von „fester Position“ und „Bessersein“.
    Dabei geht es nur darum, wie sich der Hund wann einfügt.

    Ich habe übrigens eine tiefere Beziehung zu meinem Zweithund, weil er ein Problemtierchen ist. Aber ich bin auch fast immer mit den Hunden zusammen 😉

  6. Pluto

    Vielen Dank an Dr. Miklosi für seine Neutralität und Ehrlichkeit! Statt in die Anti-Kerbe zu hauen räumt er auf viele der (teilweise sehr interessanten, teilweise aber auch bewusst provozierenden provozierenden und versuchsweise polarisierenden) Fragen immer wieder ein: es ist nicht in diese Richtung geforscht worden . Es gibt zum heutigen Zeitpunkt von wissenschaftlicher Seite weder Beweis noch Gegenbeweis.
    Er scheint das Thema RS vergleichsweise emotionslos zu sehen. Finde ich wohltuend.

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