Rudelhaltung – ohne Rudelstellung

Gastbeitrag von Sandy Kien

Wir haben Sandy gebeten, sich die Seite der „vererbten Rudelstellungen“ anzusehen und uns ihre Meinung hierzu mitzuteilen. Sie ist Autorin mehrerer Bücher, zum Beispiel  „Ich bin Mitglied eines Hunderudels“ und Vorsicht, bissiger Hund!

Bis hierhin (nach Österreich, Anm. der Autorin) scheint also dieses neue Dings noch nicht durchgedrungen zu sein, vermutlich auch, weil ich kein Forenleser bin und mich nicht unbedingt bei anderen Menschen fortbilde, sondern mir eher die Tiere als Lehrmeister nehme, die mit mir zusammenleben. Meine Hunde.

Husky gähntJetzt habe ich mir mal kurz die Links zu .eu angesehen und habe mal stark die Stirn gerunzelt. Was wollen die da? Nur, damit ich das richtig verstehe und jetzt keinen Blödsinn verzapfe, man spricht von dem Hund als Einzelhund, versucht herauszufinden, ob er ein Leithund, ein Mittelding, ein Rangschwacher usw. ist? Man spricht von Rudel, obwohl es keines ist, von sozialer Stellung, von ….. nun, alles habe ich mir da nicht angesehen und mich dann wieder Ihrer Mail zugewandt. Da kamen Sätze wie Beißereien in Workshops, Hunde, die man sich selbst überlässt, und, und, und, Sie wissen ja, was sie geschrieben haben. Meine erste Reaktion war Kopfschütteln. Dazu kam ein „he, was“?

Ich kam auf die Idee „Ich bin Mitglied eines Hunderudels“ zu schreiben, weil es eben für sehr viele Leute unverständlich ist, wie man mit zehn Schäferhunden und einer Bande Russellterrier zusammen raus gehen kann, und dabei die Kontrolle behält. Die meisten Menschen haben ja das Problem, schon einen einzelnen Hund nicht so an sich binden zu können, dass er bleibt. Sondern die meisten Hunde düsen unkontrolliert ins Grüne, kommen nach dem zehnten Zuruf vielleicht, werden bei jedem Kommando angebrüllt, nicht weil man es böse meint, sondern weil der Mensch eben so ist, und verhalten sich auch sonst ungehobelt, unbeherrscht und meist sehr lebenslustig, was aber den Mitmenschen auf den Wecker geht. Gut, nicht jeder, aber doch sehr, sehr viele. Die, die ihre Hunde wirklich unter Kontrolle haben und eine Bindung aufgebaut haben, sind gezählt.

Geholfen hat mir auch das, was ich schon gesehen habe. Mischlinge, wie auch Bordercollies in Amerika, eingesetzt am Cattle oder an der Schafherde, geführt mit sanften Pfiffen vom Pferd aus und auch die Arbeit von Polizeihunden (vermutlich auch, weil ich einen sehr guten Hundeführer kennengelernt habe) und dann auch meine Hunde selbst.

Ach, um jetzt auf das Wort „Rudelstellung“ einzugehen. Ich persönlich finde es gar nicht gut, Hunde aufeinander loszulassen undOhrkauen zu sagen, die machen sich das schon aus. Die meisten Hunde spielen Gott sei Dank, leider nicht alle. Dann kommt oft noch die Aussage, „ah, das ist der Rudelführer“. Das ist ausgemachter Quatsch.

Hunde werden sich nur dann bemühen, ein Team zu werden, ein „Rudel“, also eine  Gemeinschaft, eine Familie, eine Gruppierung zu bilden, wenn sie ständig miteinander  zusammenleben, und ständig miteinander auskommen müssen. Denn dann macht „Familie“ auch einen Sinn. Die Gruppierung wird strukuriert, weil sonst ein Auskommen unmöglich ist und wildes Chaos herrschen würde. Wenn man es ganz genau nimmt, wenn sich im Wald ein Wolfsrudel bildet, weil sich eben ein paar Einzeltiere treffen, die aus dem eigenen Rudel abgewandert sind, müssen sie sich strukturieren, damit eine gemeinsame Jagd überhaupt möglich ist.

Hunde, die sich irgendwo treffen, sei es auf der Straße, auf einer Wiese, im Wald, auf Hundezonen, bilden kein Rudel. Sie haben keine Veranlassung dazu, es macht keinen Sinn. Man kennt sich, bildet vielleicht Freundschaften, verträgt sich super bis gut, aber das war es auch schon. Unser Hunde sind im Großteil so „sozial“, dass kaum Raufereien entstehen, wobei ich nicht sagen möchte, dass es die nicht gibt. Hat man zuhause mehrere Hunde, bilden diese eine Gruppierung, die funktioniert. Die Ältesten und Erfahrensten werden meist Leittiere, ob die nun wollen oder nicht. Sie sind alt, und geben den Ton an, was aber nicht heißt, dass sie herrschen, sondern sie versuchen die Ordnung zu erhalten. Das sind Tiere, denen wird kein Knochen weggenommen, mit denen streift man nicht an, und vor denen geht man schon mal in Deckung.

Streiten Jüngere, kann es schon mal sein, dass die Leithündin dazwischen funkt und für Ruhe sorgt. Der Leitrüde erklärt den anderen Rüden, dass er der Chef ist, da reicht seine Erscheinung, er ist aber auch derjenige, der meist in die Front geht, wenn für die Gruppierung Gefahr droht.
Aber ….. aber, das oberste „Leittier“ in der Gruppierung bin noch immer ich. Beide Leittiere  geben ihren Status sofort und das gerne ab, wenn ich komme und die Führung übernehme. Das heißt für die Leittiere, keine Verantwortung mehr übernehmen zu müssen. Ich habe das letzte Wort, ich gebe den Ton an, mache das nicht mit Härte, sondern mit Auftreten.

Alle Hunde sind bei mir sicher. Sie wissen das, sie wissen, auf mein Frauli kann ich mich verlassen, wir  halten zusammen, wir sind eine Gemeinschaft, Frauli lässt mich nie allein. Dadurch habe ich eine starke Bindung zu meinen Hunden, die immer genau beobachten, was ich mache und sich daran orientieren. Streitereien gibt es in jeder Gruppierung, auch bei mir. Ist es ein Geplänkel, Zickenkrieg, gehe ich nicht dazwischen, wird es ernst, was schon mal vorkommt, dann gehe ich sehr wohl dazwischen um Verletzungen zu vermeiden und um klarzustellen, was ich davon halte. Fremde Hunde, draußen, wo man sich trifft, würde ich nicht miteinander raufen lassen und warten, wer gewinnt. Das kommt einem Hundekampf doch sehr nahe. Hunde können sich  töten oder schwer verletzen, was ich auch schon gesehen habe.

kill youAußerhalb eines Rudel gibt es andere Gesetze, und ob das nun gefällt oder nicht, da muss sich Hund der Menschheit anpassen. Und das funktioniert im Großen und Ganzen. Was mir immer wieder Sorgen bereitet, ist die Sache, dass der Mensch seinen natürlichen Verstand einfach nicht mehr einsetzt. Hunde brauchen andere Hunde, um Freundschaften zu pflegen und  Kontakte aufzubauen. Sie brauchen Spiele, um Kräfte zu messen und sie müssen sich auch hin und wieder zanken, damit sie selbst wissen, dass ein Biss weh tut. Sie müssen laufen können,  denn es sind Bewegungstiere, deren Körper eigentlich zum Laufen ausgerichtet ist (außer es ist ein fettgefressener Basset, der seinen Bauch über den Boden schleift …. ach etwas Bewegung täte dem auch gut). Hunde lieben es gefordert zu werden, durch Tricks, durch Kommandos, die wir ihnen beibringen, auf die er etwas zu machen hat. Lernt ein Hund mit seinem Besitzer zusammenzuarbeiten, wächst die Bindung, weil der Hund beobachtet.

Was ich nicht so mag, ist die maschinelle Führung auf einem Abrichteplatz. Selbst bei der Polizei müssen Hunde lernen, ihren Führer zu studieren, zu beobachten, der hat während eines Einsatzes keine Zeit, ständig auf seinen Hund zu gucken, da muss der Hund schon selbstständig agieren, was aber auch im Privatbereich geht. Und wenn ich ein Problem habe mit meinem  Hund, sollte ich vielleicht eruieren, ob das Problem wirklich beim Hund oder möglicherweise doch bei mir liegt. Stimmt die Verständigung? Weiß Wuffi, ob er einen Fehler macht, ist es ihm je gesagt worden? Wie soll er es wissen, wenn es ihm niemand sagt? Typisches Beispiel ist der an der Leine kläffende Hund. Der Hund weiß nicht, dass es falsch ist, findet es spannend, lustig, irre geil, und der Mensch weiß sich nicht zu helfen. Ein Grund, einmal in sich zu gehen. Hier hat nicht der Hund ein Problem, sondern der Besitzer. Problemen sollte man nicht aus dem Weg gehen, auch im normalen Leben nicht, sie sind da, um sie zu lösen. Sie einfach zu verstecken ist Vogelstrausspolitik. Ich kann den Hund nicht sein Leben lang verstecken.

Es gibt derzeit so viel Methoden, wie man was macht, wie es sein soll, wie man dem Hund dieses und jenes beibringt, und, und, und. Ich finde aber, man sollte sich an keine Methode hängen, sondern seinen Hund als Persönlichkeit akzeptieren. Es gibt so viele Kinder, die mit dem Hund einfach können. Kleine Kinder, gerade mal dem Windelalter entwachsen. Die haben bestimmt noch nichts über Hunde gelernt, aber sie können es, weil sie natürlich handeln.

Ziel sollte sein, ein harmonisches Zusammenleben mit seinem Hund. Wir können ihm oft weder ein Rudel noch eine struktuierte Gruppierung bieten, also ist Hundi gezwungen, die Familie als solches zu nehmen, was sie auch tun. Mütter die Kinder haben, sollten sich überlegen, wie sie es dem Kind sagen würden. So sage ich’s auch meinem Hund. Ich muss ihm zeigen, was er darf, und was er lassen muss. Ich kann Reaktionen einfordern und die Hund ermuntern, mich zu
beobachten, so dass er agieren muss.

Ich kann es aber auch lassen und mein Hund wird sehr selbstständig werden. Das liegt an mir ganz allein. Draußen muss man sich vielfach nach dem Umfeld richten. Kann mein Hund mit anderen, heißt es noch lange nicht, dass der andere auch mit meinem kann. Je besser man seinen Hund kontrollieren kann und je mehr der Hund weiß, was er zu tun hat, was ich als Führer will, desto weniger Probleme wird es geben. Und wenn man etwas mehr Rücksicht auf andere nimmt, dann funktioniert es auch. Was ich auch dazu sagen muss. Unser Umfeld, unsere Gesellschaft und unsere Gesetze, sind nicht für eine artgerechte Hundehaltung ausgerichtet. Wir sind gezwungen, uns anzupassen, Mensch wie Hund, und es ist dem Hund zu verdanken, dass es großteils gut klappt.

So, nun habe ich (ach mein Autor kommt durch) dazu viel geschrieben, aber vielleicht hilft euch diese Stellungnahme, möglicherweise auch anderen. Nicht jeder wird mir beipflichten, es wird Kritikpunkte geben. Dazu kann ich sagen: Ich halte seit Jahrzehnten mehrere Hunde, derzeit 15 Stück, im Rudel, mit Rüden und Hündinnen, Alten, Jungtieren und Welpen und das gänzlich ohne Zwinger. Meine Dogs sind immer zusammen, laufen gemeinsam, fressen gemeinsam, spielen gemeinsam, aber auch sie haben Regeln und die mache ich, und das funktioniert bestens, denn meine Dogs sind wie Klebstoff. Sie kleben mir ständig am Hintern.

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2 Gedanken zu „Rudelhaltung – ohne Rudelstellung

  1. Brigitta Kramer

    Liebe Sandy Kien,

    vielen herzlichen Dank für diesen Kommentar. Vieles davon möchte man jedem Hundehalter ins Stammbuch schreiben. Ich bin immer wieder gerne auf Ihrer Seite und lese mich durch 🙂

    Wie gut, daß zu uns nach Österreich die Dinge mit Verspätung erst ankommen, und bei manchen Themen wünscht man sich, daß sie an der Grenze kehrtmachen sollten und draussen bleiben. RS zum Beispiel wäre so ein Thema. Möge es noch lange dauern, bis es bei uns ankommt.

    Die Art, wie Sie mit Ihren Hunden umgehen finde ich erfrischend „normal“ und es entspricht meiner Denkweise. So viele Hunde hatte ich zwar noch nie, das Höchste waren mal 5 Hunde, aber ich habe sie ebenso behandelt, wie Sie es beschreiben. Unaufgeregt, mit Bauchgefühl und immer in dem Bewußtsein, daß die Hunde sich auf mich verlassen können müssen und trotzdem ICH das Sagen habe. Ich glaube und bin fest davon überzeugt, daß dies der richtige Weg ist. Für mich, denn jeder hat „seinen richtigen Weg“. Und das ist so lange auch in Ordnung, so lange man durch „seinen Weg“ den Hunden keinen Schaden zufügt.

    In diesem Sinne nochmal ein Dankeschön und einen lieben Gruß in meine Heimat.

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