Bloch in „Wölfe und Kinder“ 01/2014

Wolf Magazin

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© Günther Bloch (Kosmos Verlag)

Bislang überwiegt in Fachkreisen die Meinung, dass Wölfe zwar mit einem biologischen Instinktrepertoire ausgestattet sind, jedoch ihr “Verhaltensstatus” (Feddersen-Petersen 2008: die einem Individuum eigene soziale Stellung innerhalb einer Gruppe), generell von einer interaktiv wirkenden Kombination aus vererbten und erlernten Komponenten gekennzeichnet ist. Um zu verstehen, wie Evolution den “trade-off” zwischen Kontinuität und Flexibilität gelöst hat, ist es notwendig zu verstehen, wie Gene, Erfahrung und Verhalten proximat miteinander verknüpft sind. Verhalten ist demnach ein wichtiger Mechanismus bei den Anpassungen eines Organismus an seinen Lebensraum (Kappeler 2006). Soziale Dominanzbeziehungen werden in Zweierkonstellationen getestet, erarbeitet und etabliert. Das Gleiche gilt für die Einnahme konkreter Gruppenstellungen, Rollen und Aufgaben, die nicht nur auf alters-, geschlechts- und persönlichkeitsgebundenen Voraussetzungen basieren, sondern eben auch stark von vorhandenen ökologischen Lebensumständen abhängen (Bloch 2008). Im Übrigen gilt die hohe Soziabilität (Bloch & Radinger 2012: Die Fähigkeit Einzelner, ohne große Umstände neue Sozialbeziehungen aufzunehmen und zu pflegen) als allgemeingültig anerkannt. Kleine, kompakte Familieneinheiten sind mitunter deutlich effizienter (auf Dauer überlebensfähiger) als “Megagruppen”, deren Dynastien aufgrund Nahrungsknappheit und anderer verhaltensökologischer Kriterien oft nicht aufrecht zu erhalten sind. Zuguterletzt lassen sich soziale Beziehungen nur durch eine längere Beobachtung der Art, Häufigkeit, Intensität und anderer Eigenschaften von Interaktionen zwischen zwei oder mehr Tieren beschreiben (Ganslosser 2007). Alle diese Fakten widersprechen der Hypothese, es existiere eine Art “perfekte Rudelstruktur”, deren Rollenverteilungen und Wertigkeiten von Geburt an unverrückbar seien und von Anfang an feststünden.

Fazit: Alle hypothetischen Überlegungen zur Existenz von “genetisch-fixierten Rudelstellungen” bleiben solange pure Spekulation, bis quantitativ und qualitativ aussagekräftige Testergebnisse vorliegen, die auf einer wissenschaftlich überprüfbaren Methodik fußen (Kriterien der innerer und äußerer Validität). Hierzu wären umfangreiche DNA-Analysen notwendig, die jedoch bis heute komplett fehlen. Davon abgesehen sind direkte Verhaltensbeobachtungen in wölfischen Erdbauten, die eine genetisch fixierte soziale Grundordnung beim Kontaktliegen unter Wolfswelpen ggf. belegen könnte, unter Freilandbedingungen wohl kaum durchführbar (*).

(*): Zum allgemeinen Verständnis: Wir stehen anekdotischen Berichterstattungen durchaus offen gegenüber. Die Bereitschaft zur Wissensvermehrung stellt für jeden seriösen Kanidenforscher ohnehin eine Selbstverständlichkeit dar. Was wir nicht akzeptieren, sind bewusst geschürte Falschbehauptungen, Halbwahrheiten oder persönliche Angriffe und Diffamierungen. Nachfolgend hierzu einige sinngemäß wiedergegebene Beispiele:

Behauptung: “SämtlicheWolfskoryphäen haben es bislang versäumt richtig hinzuschauen und deswegen keine Ahnung von Rudelstellungen”.

Kommentar: Ein Affront gegen sämtliche Freilandforscher dieser Welt, der keiner weiteren Erläuterungen bedarf.

Behauptung: “Wolfsrudel mit stabilen, stellungsfähigen Sozialstrukturen lassen sich in freier Wildbahn nicht beobachten”.

Kommentar: Freilandbeobachtungen finden mittlerweile seit Jahren in den unterschiedlichsten Ökosystemen dieser Welt statt: innerhalb von Arktik-, Tundra- und Taigaregionen, Gebirgs- und Kulturlandschaften oder Semiwüsten (siehe entspr. Literatur von D. Mech bis C. Sillero-Zibiri).

Behauptung: “Bei Wolfsrudeln, die sich beobachten lassen, handelt es sich ausnahmslos umineffiziente, energievergeudende, loseGruppen mit fehlerhafter Sozialstruktur”.

Kommentar: Die soziale Organisation von Wolfsfamilien spiegelt Verhaltensanpassungen wider, die auf genetisch variablen Grundlagen, Erfahrungen und Lernprozessen basieren. Die Begriffserfindung “fehlerhafte Sozialstruktur” entbehrt deshalb jeglicher Grundlage, weil sich die Sozialstruktur des Grauwolfes schon allein je nach Subspezies grundsätzlich unterschiedlich darstellt: von der typischen Kleinfamilienstruktur (z.B. Canis lupus arabs) bis hin zu wahren Megastrukturen, wie sie beispielsweise in Teilen Alaskas oder Kanadas durchaus üblich sein können (z.B. Canis lupus occidentalis).

Behauptung: “Mit geschultem Blick lassen sich anhand eines Fotos alle Wolfsrudelstellungen zweifelsfrei zuordnen, ohne das gezeigte Rudel bzw. dessen Struktur zuvor kennengelernt zu haben”.

Kommentar: Fotos stellen allenfalls Momentaufnahmen dar und sind völlig ungeeignet, irgendwelche Rückschlüsse auf das Beziehungsgefüge oder womöglich Führungsverhalten von Wolfsfamilien zu schließen, ohne deren Rangordnungs-, Alters- und Geschlechtsstruktur genau beobachtet zu haben.

Behauptung: “In strukturierten Rudeln wird nicht gespielt”.

Kommentar: Spiel findet selbstverständlich unabhängig der jeweiligen Familienstruktur statt, so auch zwischen Wolfseltern und deren ersten Nachwuchs (Welpen/Juvenile).

Behauptung: “Die Geschicke eines Wolfsrudels leitet allesamt ein ranghöchster Rüde, der sämtliche Aufgabenbereiche zuweist und mit seinen untergeordneten “Zuträgern” erst gar nicht kommuniziert”.

Kommentar: Leitrüde und Leitweibchen operieren in der Norm auf Augenhöhe. Sie arbeiten eng zusammen. Beide Elterntiere kommunizieren nuanciert und nachhaltig mit allen anderen Familienmitgliedern, egal ob es sich um ranghohe oder rangniedrige Individuen handelt.

Behauptung: Günther Bloch spricht über Dinge,  von denen er nichts weiß, weil er sich mit der Materie der natürlichen Rudelstellungen nie beschäftigt hat und damit nicht vertraut ist”.

Kommentar: Einige unserer äußerst verhaltenskundigen Wolfspaten haben an Veranstaltungen von Frau Ertel, die obige Thesen diktatorisch vertritt, teilgenommen, und uns völlig entsetzt darüber ausführlich berichtet. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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Ein Gedanke zu „Bloch in „Wölfe und Kinder“ 01/2014

  1. Schneider

    Vielen Dank für diese ausführliche Klarstellung von unhaltbaren Behauptungen, nicht überprüften Thesen und wissenschaftlich unsubstantierten Feststellungen. Ein kleiner, leider notwendiger, Schritt um diesem langsam sehr lästigen Vorgehen dieser Dame, der Medien und den Anhängern dieser Thesen Einhalt zu gebieten. Nun bitte noch überall publik machen, bevor noch mehr Unheil an unschuldigen Hunden damit angerichtet wird.

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