{"id":3072,"date":"2014-11-14T10:02:01","date_gmt":"2014-11-14T09:02:01","guid":{"rendered":"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/?p=3072"},"modified":"2014-11-14T12:43:03","modified_gmt":"2014-11-14T11:43:03","slug":"wissenschaftliche-anmerkungen-v-dr-udo-ganslosser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/?p=3072","title":{"rendered":"Wissenschaftliche Anmerkungen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.ganslosser.de\" target=\"_blank\">Dr. Udo Ganslo\u00dfer<\/a><\/strong>, namhafter Autor viel gelesener Fachliteratur zum Thema Hund, ist Privatdozent f\u00fcr Zoologie an der Universit\u00e4t Greifswald und dem Institut f\u00fcr spezielle Zoologie der Universit\u00e4t Jena. Er betreut, neben seinen Unterrichts- und Seminart\u00e4tigkeiten, zahlreiche Forschungsprojekte \u00fcber Haushunde und Wildhundeartige. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf Sozialbeziehungen und sozialen Mechanismen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir danken ihm und dem <strong><a href=\"http:\/\/www.wolfmagazin.de\/\" target=\"_blank\">Wolf Magazin<\/a><\/strong>, dass wir diesen Artikel hier ver\u00f6ffentlichen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<h1 style=\"text-align: justify;\">Wissenschaftliche Anmerkungen zum Thema der angeblich angeborenen Rudelstellungen<\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\">v. Dr. Udo Ganslo\u00dfer<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/post-16795-0-08336300-1407097954-e1415705488918.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-171\" src=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/post-16795-0-08336300-1407097954-225x300.jpg\" alt=\"post-16795-0-08336300-1407097954\" width=\"150\" height=\"200\" \/><\/a>In den letzten Monaten verst\u00e4rkt, aber bereits seit einigen Jahren sp\u00fcrbar ist ein neuer Trend, der hinsichtlich Geheimb\u00fcndelei und Umgang mit den Fakten durchaus einige Eigenschaften einer neuen Sekte aufweist: Es ist die Rede von den angeblich angeborenen Rudelstellungen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufgrund der handschriftlichen Aufzeichnungen eines vor einigen Jahrzehnten aktiven Handwerksmeisters und Eurasier-Z\u00fcchters wird behauptet, dass es in jedem stabilen Hundeverband immer sieben Rudelstellungen g\u00e4be, deren Existenz f\u00fcr das einwandfreie und reibungslose Zusammenleben in dieser Gruppe unumg\u00e4nglich w\u00e4re. Man k\u00f6nnte auch jedem Hund bereits am ersten Lebenstag, an seiner Liegeposition relativ zu seinen Wurfgeschwistern, genau ansehen, zu welcher dieser Position er geh\u00f6rt. So merkw\u00fcrdig diese \u00dcberlegung klingt, k\u00f6nnten wir sie durchaus noch als Arbeitshypothese akzeptieren, wenn nicht daraus bereits jetzt, und zwar ohne jegliche wissenschaftliche Begr\u00fcndung, sehr merkw\u00fcrdige und bisweilen auch wie wir noch sehen werden tierschutzwidrige Empfehlungen abgeleitet w\u00fcrden. Hier wird beispielsweise Hundehaltern, die bereits seit vielen Jahren problemlos mit zwei oder mehreren Hunden zusammenleben, ernsthaft vermittelt, sie w\u00fcrden nur die Schwierigkeiten, Probleme und den Stress im Zusammenleben dieser Hunde nicht sehen. Gerade besonders f\u00fcr entspannte Situationen und ein entspanntes Feld charakteristischer Verhaltensweisen, wie etwa das soziale Spielen, werden zu extremen Stressfaktoren und Stressanzeigern umgedeutet. Selbst von Tauschb\u00f6rsen, sei es im Internet oder im Anschluss an einschl\u00e4gige Seminare, wird schon berichtet. Und wer nicht bereit ist, einen Hund wegen angeblichen Doppelbesatzes abzugeben, wird bisweilen auch nicht immer gerade freundlich, h\u00f6flich-zuvorkommend behandelt, so berichten zahlreiche Teilnehmer an solchen Veranstaltungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daher erscheint es dringend erforderlich, die hier gemachten Aussagen doch mal einer wissenschaftlichen \u00dcberpr\u00fcfung zuzuf\u00fchren. In den vergangenen Monaten sind mehrere \u00dcbersichtartikel \u00fcber genetische Zusammenh\u00e4nge und Pers\u00f6nlichkeitstypen bei Hunden erschienen, ich verweise auf den ausf\u00fchrlichen Buchbeitrag von Miklosi et al (2014) und einen \u00dcbersichtartikel von Diane van Rooy und Co Autoren aus Melbourne, der ebenfalls 2014 erschien. Im Lichte dieser und einiger anderer Befunde wollen wir nun sehen, was wissenschaftlich zum genannten Thema zu sagen w\u00e4re.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Wissenschaftlich nicht \u00fcberpr\u00fcfbar<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Joey_im_Gras-e1415706187794.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-3079 size-medium\" src=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Joey_im_Gras-300x290.jpg\" alt=\"Joey_im_Gras\" width=\"300\" height=\"290\" \/><\/a>Um diese \u00dcberlegungen zu betrachten, ist es zun\u00e4chst wichtig, einige allgemeine Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens und wissenschaftlichen Argumentierens kennenzulernen. Bereits vor vielen hundert Jahren hat der englische M\u00f6nch William Occam ein Prinzip gefordert, das als allgemeines Grundprinzip der wissenschaftlichen Arbeit gilt. Man soll eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr ein Ph\u00e4nomen immer so finden, dass m\u00f6glichst wenig unbeweisbare Hilfshypothesen dazu ben\u00f6tigt werden. Wenn Sie einen Gegenstand aus der Hand fallen lassen und dieser dann auf den Boden f\u00e4llt, so ist die von Newton und Kopernikus gefundene Schwerkraft eben eine wesentlich bessere Erkl\u00e4rung als ein angeblich unstillbares Verlangen, das diesen Gegenstand dazu treibt, seinen geliebten Erdmittelpunkt schnellstens in die Arme schlie\u00dfen zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein zweites wissenschaftliches Prinzip ist es, dass m\u00f6glichst Erkl\u00e4rungen so gefunden werden, die mit bereits beschriebenen und belegten Befunden aus anderen Wissenschaftsdisziplinen nicht im Widerspruch stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und genau an dieser Stelle beginnt das Dilemma mit den sogenannten angeborenen Rudelstellungen. Es gibt einfach schlichtweg keinerlei genetisch vorstellbaren oder gar genetisch beschriebenen Mechanismus, der bei Vollgeschwistern, bei den Kindern eines einzigen Zuchtpaares, immer genau sieben abgegrenzte und in ihrem Typus allgemein erkennbare Pers\u00f6nlichkeiten schaffen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sowohl Diane von Rooy und Co Autoren als auch Miklosi et al betonen, dass die Selektion auf Pers\u00f6nlichkeitseigenschaften bei Hunden wohl nur sehr schwach gewirkt haben d\u00fcrfte. Wenn man sich \u00fcberlegt, dass die meisten, in den vergangenen Jahrhunderten als Arbeitshunde gez\u00fcchteten Hunderassen und Zuchtlinien kaum in Gruppen von sieben oder mehr Artgenossen gehalten beziehungsweise gez\u00fcchtet wurden (Meutehunde, oder Schlittenhunde sind da sicherlich eine Ausnahme), so ist kaum vorstellbar, wie unter diesen Bedingungen eine typische Siebenerkonstellation \u00fcberhaupt \u00fcber viele Generationen hinweg erhalten bleiben k\u00f6nnte. Entweder die Selektion auf diese Merkmale m\u00fcsste so stark gewesen sein, dass alle unpassenden Familien- und Rudelgruppen sofort der Selektion zum Opfer gefallen w\u00e4ren. Dann aber h\u00e4tten sicherlich schon viel fr\u00fcher die erfahrenen Z\u00fcchter, seien es Sch\u00e4fer, Meutehundeausbilder, Schlittenhundef\u00fchrer am Polarkreis oder andere, in deren famili\u00e4rer Tradition der Umgang mit Hunden oftmals \u00fcber sehr lange Zeit hinweg verankert war, davon etwas bemerkt, und es h\u00e4tte kaum der Erkenntnisse eines Eurasier z\u00fcchtenden G\u00e4rtnermeisters und Hobbyisten bed\u00fcrft, um diese so deutlichen Effekte zu erkennen. Oder die Selektion auf diese Merkmale ist eben sehr schwach, und Hunde k\u00f6nnen auch ohne die Siebenerzahl sich sehr gut und auch in kompetenter Weise fortpflanzen, wenn andere Eigenschaften (auf die es schlie\u00dflich auch dem Hundez\u00fcchter in der Arbeitshundezucht ankam) eben passen. Bereits mit diesem Argument, das die St\u00e4rke der Selektion mit den bisherigen Praktiken in der Haushundezucht versucht zur Deckung zu bringen, haben wir also einen erheblichen Schwachpunkt aufgegriffen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Erbwege f\u00fcr die \u201eSiebenerkonstellation\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch deutlicher wird der Widerspruch zu den Erkenntnissen der Hundegenetik dann, wenn wir versuchen, uns Erbwege f\u00fcr diese Siebenerkonstellation vorzustellen. Hierf\u00fcr k\u00f6nnen mehrere denkbare Modelle diskutiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Polygene Vererbung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Boarder_02.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3080 size-medium\" src=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Boarder_02-280x300.jpg\" alt=\"Boarder_02\" width=\"280\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Boarder_02-280x300.jpg 280w, https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Boarder_02.jpg 410w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Eine M\u00f6glichkeit w\u00e4re eine polygene Vererbung. Eine polygene Vererbung, bei der mehrere Genorte f\u00fcr das Gesamtmerkmal verantwortlich sind, wird bei Pers\u00f6nlichkeitsuntersuchungen an Hunden meistens auch angenommen. Um ein Beispiel aus der bekannten Farb- und Fellvererbung zu zitieren, die Farbvererbung bei Border Collies und verwandten Rassen wird von ca. f\u00fcnf verschiedenen Genorten auf unterschiedlichen Chromosomen gesteuert. Manche dieser Genorte haben dann auch sogar noch mehr als zwei Auspr\u00e4gungen, sogenannte Allele. Die Folge davon ist bekanntlich, dass selbst gute und verantwortungsvolle Z\u00fcchter, die den gesamten Stammbaum von Mutterh\u00fcndin und Deckr\u00fcde kennen, nicht vorhersagen k\u00f6nnen welche Farbmuster in welcher H\u00e4ufigkeit und St\u00fcckzahl in einem Welpenwurf auftreten werde. Selbst in etwas einfacheren Beispielen wird dies deutlich: Erinnern sie sich doch an ihre ersten Gehversuche mit der Genetik, die Mendelschen Regeln im Schulunterricht. Wenn man schwarz-kurzhaarige und wei\u00df-wuschelige Meerschweinchen kreuzt, bekommt man bereits in der zweiten Generation auch schwarz wuschelige und wei\u00df kurzhaarige. Die Merkmale werden neu gemischt, dies besagt eben die von Mendel aufgestellte Unabh\u00e4ngigkeitsregel. Sollte nun ein \u00e4hnliches Ph\u00e4nomen bei der Vererbung von Pers\u00f6nlichkeitseigenschaften wirken, wie die sp\u00e4ter noch anzuf\u00fchrenden Untersuchungen zur Erblichkeit dieser Merkmalskomplexe vermuten lassen, so k\u00f6nnte niemals im Laufe von vielen Generationen immer die gleiche, exakt definierte Reihenform von immer sieben Hundetypen erhalten bleiben. Es sei denn, die Selektion w\u00e4re ebenso stark, dass alle unpassenden Zwischenstadien sofort aus der Population verschw\u00e4nden. Dass die Selektion aber sehr schwach sein muss, haben wir oben bereits dargelegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Co-dominante Merkmale<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine zweite denkbare M\u00f6glichkeit w\u00e4re ein System von mehreren, sogenannten Co-dominanten Merkmalen. Hierf\u00fcr sei als Beispiel die Blutgruppen angef\u00fchrt. Das menschliche Beispiel ist ihnen allen bekannt, die beiden Typen A und B sind Co dominant \u00fcber die rezessive Eigenschaft 0. Dementsprechend kann ein Mensch eben entweder Blutgruppe A, Blutgruppe B, AB oder 0 aufweisen. W\u00fcrden wir nun ein \u00e4hnliches System nicht mit zwei Co Dominanten und einem rezessivem Merkmal, sondern mit sieben verschiedenen Merkmalen konstruieren wollen, wird sehr schnell klar, dass auch dann wieder \u00dcbergangsstadien zwischen Stadien vergleichbar der menschlichen Blutgruppe AB, und damit eben wesentlich mehr als sieben erkennbare Ph\u00e4notypen dabei herauskommen w\u00fcrden. Auch dieses System funktioniert also nicht, wenn wir davon ausgehen, dass die genannten \u00dcbergangstypen eben wegen der, nun bereits wiederholt angesprochenen schwachen Selektion, auch \u00fcberleben w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Epigenetische Prozesse<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Frischling.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-3081 size-medium\" src=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Frischling-300x300.jpg\" alt=\"Frischling\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Frischling-300x300.jpg 300w, https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Frischling-150x150.jpg 150w, https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Frischling.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Ein drittes, bisweilen heute angef\u00fchrtes Denkschema betrifft sogenannte epigenetische Prozesse. Im einfachsten Fall handelt es sich bei epigenetischen Prozessen darum, dass bestimmte Genabschnitte im Laufe der fr\u00fchen Individualentwicklung, bisweilen sogar im Mutterleib, dauerhaft eingeschaltet oder ausgeschaltet werde. Je nachdem, welcher Genabschnitt dann eingeschaltet und verst\u00e4rkt abgelesen wird, entstehen bestimmte Merkmale bei diesem Tier, und die w\u00fcrden ihm dann auch sein Leben lang erhalten bleiben. Auch dieser Mechanismus ist jedoch nicht vorstellbar, wenn daraus immer ganz genau sieben reine Typen entstehen sollten. Aus rein zuf\u00e4llig-statistischen Gr\u00fcnden w\u00fcrden dann eben auch mal zwei oder vielleicht sogar ganz selten drei Gene gleichzeitig eingeschaltet, und auch das w\u00fcrde dann eben zu einer Mischform f\u00fchren und nicht zu einer Erhaltung der sieben Reintypen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00dcbersichtartikel von Diane von Rooy und Co Autoren zeigt sehr sch\u00f6n, in welcher Weise Pers\u00f6nlichkeitstypen und andere Verhaltenseigenschaften meist polygen vererbt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist zweifellos bekannt, dass Pers\u00f6nlichkeitseigenschaften eine bestimmte erbliche Komponente haben. Die beiden Grundpers\u00f6nlichkeiten, bisweilen auch als Supereigenschaften bezeichnet, n\u00e4mlich der wagemutige, vorw\u00e4rts orientierte A Typ und der scheue, zur\u00fcckhaltende, eher beobachtende B Typ, sind bei vielen Hunderassen, aber auch bei sehr vielen anderen Tierarten beschrieben. Die Erblichkeit dieser Pers\u00f6nlichkeitseigenschaften liegt ca. bei einem Drittel. Das hei\u00dft, wenn wir zwischen dem Wagemutigsten und dem Scheuesten in einem Wurf oder in einer Zuchtlinie eine hypothetisch anzunehmende Punktzahl von zehn Punkten als Unterschied annehmen, w\u00e4ren nur drei bis vier dieser Punkte durch die Abstammung vorhersagbar. Eine neu ver\u00f6ffentlichte Studie zeigt dies sehr sch\u00f6n sogar an wild lebenden Verwandten des Haushundes. In einer Studie zur Wiederansiedlung im Naturschutz des Amerikanischen Kit Fuchses konnte n\u00e4mlich gezeigt werden, dass \u00e4ltere F\u00fcchse in ihren Pers\u00f6nlichkeitsunterschieden zwischen scheu und wagemutig eine wesentlich gr\u00f6\u00dfere Varianz aufweisen als Welpen und einj\u00e4hrige Jungf\u00fcchse.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Pers\u00f6nlichkeit durch Gene oder Umweltfaktoren?<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Unsicher_01.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3082 size-medium\" src=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Unsicher_01-300x300.jpg\" alt=\"Unsicher_01\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Unsicher_01-300x300.jpg 300w, https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Unsicher_01-150x150.jpg 150w, https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Unsicher_01.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Offensichtlich ist die Frage, welche Erfahrungen man im Laufe der ersten zwei Jahre gemacht hat, mit entscheidend daf\u00fcr, ob man nun ganz besonders wagemutig wird, weil man eben sehr viele positive Erfahrungen damit gemacht hat, oder doch eher zur\u00fcckhaltender, weil man auch mal negative Erfahrungen gemacht hat. Ein weiterer Befund dieser Studie zeigt auch, dass die F\u00fcchse in Vorst\u00e4dten und anderen, st\u00e4rker von menschlichen Siedlungen beeinflussten Gebieten eine gr\u00f6\u00dfere Wagemut aufweisen als diejenigen, die in ihrem nat\u00fcrlichen Lebensraum, in den Amerikanischen Pr\u00e4rien leben. Auch das ein Beleg daf\u00fcr, dass die Umwelt in der man aufw\u00e4chst, den gr\u00f6\u00dferen Beitrag leistet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine zweite Untersuchung \u00fcber Erblichkeit von Pers\u00f6nlichkeitseigenschaften, und zwar vom Amerikanischen Rotwolf, zeigt \u00e4hnliche Ergebnisse: Dort gibt es offensichtlich einen erblichen Faktor, der die Abwanderungsstrategie, also die Tendenz zum fr\u00fchzeitigen Verlassen der Familiengruppe steuert. Dieser Faktor wurde jedoch nur bei R\u00fcden nachgewiesen, nicht bei H\u00fcndinnen. Das ist besonders bedeutsam deswegen, weil bei gr\u00f6\u00dferen Kaniden, eben auch dem Rotwolf, normalerweise die Abwanderung mehr vom weiblichen Geschlecht und seltener vom m\u00e4nnlichen Geschlecht vollzogen wird. Trotzdem gibt es, wie Untersuchungen von Sparkman et al (2012) zeigen, im Erbgut m\u00e4nnlicher Rotw\u00f6lfe ein genetischen Anteil zur Abwanderungsstrategie. Auch diese ist jedoch nur gering, und auch hier ist der Einfluss der Umweltfaktoren, soziale und \u00f6kologische zusammengenommen, wesentlich st\u00e4rker. Zudem ist gerade dieser Abwanderungsfaktor mit einer erh\u00f6hten Sterblichkeit versehen, es ist also riskant, abzuwandern, was wiederum einen starken Selektionsfaktor bedeutet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu bedenken ist au\u00dferdem, dass Erblichkeiten zwischen den betrachteten Hunderassen sehr stark schwanken k\u00f6nnen. So hat eine vergleichende Untersuchung von Van der Waaij et al (2014) an Deutschen Sch\u00e4ferhunden und Labrador Retrievern ganz unterschiedliche Erblichkeiten f\u00fcr die gleiche Eigenschaft bei beiden Rassen gezeigt. So ist beispielsweise die Freundlichkeit zum Menschen beim Deutschen Sch\u00e4ferhund mit 0,38, beim Labrador dagegen nur mit 0,03 belegt. Auch die Korrelationen zwischen verschiedenen Pers\u00f6nlichkeitseigenschaften unterscheiden sich sehr stark, beim Labrador ist beispielsweise Mut und Beutefangverhalten mit 0,27, beim Deutschen Sch\u00e4ferhund mit 0,65 korreliert, Freundlichkeit zum Menschen und Nervenstabilit\u00e4t beim Labrador mit 0,09 und beim Deutschen Sch\u00e4ferhund mit 0,64. Diese und andere Zahlen, die regelm\u00e4\u00dfig in Arbeiten \u00fcber Verhaltensgenetik von Hunden ver\u00f6ffentlicht werden, lassen es bereits absolut ausgeschlossen erscheinen, dass gemeinsames ordnendes Prinzip \u00fcber alle 350 FCI Rassen, W\u00f6lfe und viele andere Arten und Zuchtformen wirksam werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade im Bereich der medizinisch relevanten Genetik zeigt beispielsweise die Arbeit von Van Rooy und Co Autoren, wie komplex die Verh\u00e4ltnisse sind. Betrachten wir als ein bekanntes, k\u00f6rperlich-medizinisches Problem die bekannte Augenkrankheit PRA. Diese tritt bei verschiedenen Rassen auf, jedoch bei einigen Rassen in dominanter, bei anderen in rezessiver Form, und Vergleichsuntersuchungen der molekular beteiligten Genorte haben allein beim Irischen Setter und beim Collie bereits v\u00f6llig unterschiedliche, daf\u00fcr verantwortliche Genabschnitte identifiziert, beim Irischen Setter wird eine Base, also sozusagen ein Buchstabe in der Abfolge der Erbinformation ver\u00e4ndert, beim Collie dagegen werden 22 Buchstaben zus\u00e4tzlich eingef\u00fcgt, und beide Ver\u00e4nderungen im Erbgut zeigen dann den gleichen Effekt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dementsprechend sind eben Erblichkeiten nur f\u00fcr die jeweilige Zuchtlinie, und noch nicht einmal f\u00fcr andere Zuchtlinien der gleichen Rasse generalisierbar, geschweige denn \u00fcber die eigentlich untersuchte Grundpopulation hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterhalb dieser beiden Supereigenschaften, Scheu und Wagemutig finden sich dann die f\u00fcnf Pers\u00f6nlichkeitsachsen des F\u00fcnf- Faktoren- Modells, also emotionale Stabilit\u00e4t oder Launenhaftigkeit, Trainierbarkeit und Offenheit f\u00fcr neue Erfahrungen, Geselligkeit mit Hunden, Extrovertiertheit, und die Ausdauer im Verfolgen von Zielen, die Beharrlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch diese Pers\u00f6nlichkeitsachsen haben durchaus erbliche Anteile, hier wurde beispielsweise im Rahmen von Zuchtzulassungspr\u00fcfungen und \u00e4hnlichen breit angelegten \u00dcberpr\u00fcfungen von verschiedensten Hunderassen meist eine Erblichkeit zwischen 18 und 25% gefunden. Hier sind also schon 3\/4 bis 4\/5 durch die Umwelt, durch die Erfahrungen, durch die Sozialisation bedingt, und nur ca. \u00bc bis 1\/5 w\u00e4re durch Abstammung erkl\u00e4rlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesen \u00dcberlegungen zeigt sich also, dass die Aussage einer angeblich angeborenen Rudelstellung des Hundes in seinen Genen einfach nicht Platz finden kann. Es gibt keinen genetischen Mechanismus, der diese \u00dcberlegungen st\u00fctzt, im Gegenteil, sie stehen in eklatanten Widerspruch zu allem, was man \u00fcber Genetik und Verhaltensbiologie des Hundes heute wei\u00df (siehe auch Ganslo\u00dfer und Kitchenham 2012).<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Flexible Rollen und Zusammenarbeit<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/lesu15-copy.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-3083\" src=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/lesu15-copy.jpg\" alt=\"lesu15 copy\" width=\"350\" height=\"234\" srcset=\"https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/lesu15-copy.jpg 400w, https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/lesu15-copy-300x201.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a>Neben Pers\u00f6nlichkeitseigenschaften und anderen, teilweise m\u00f6glicherweise erblichen Faktoren gestaltet aber auch die situative Einnahme von Rollen noch die Zusammenarbeit und das Agieren einer Hundegruppe. Auch hier wird von den Anh\u00e4ngern der Rudelstellungslehre ja davon ausgegangen, dass bestimmte Hunde zeitlebens in der Gruppe immer die gleichen Funktionen einnehmen, und dadurch die Gruppe effektiv und stabil halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bloch (2014), Bonanni und Cafazzo (2014) und andere haben jedoch gezeigt, dass Hunde und W\u00f6lfe sich in Situationen sehr unterschiedlich positionieren. So wurden bereits von Roberto Bonanni und Co Autoren vor einigen Jahren Beobachtungen \u00fcber das Verhalten von verwilderten Haushunden bei Grenzkonflikten oder anderen Auseinandersetzungen mit Nachbarrudeln beschrieben. Hierbei ist f\u00fcr unseren Zusammenhang bemerkenswert, das je nach Gr\u00f6\u00dfe der zusammentreffenden Gruppen die Hunde ganz unterschiedliche Strategien einnehmen: Nehmen wir an, heute w\u00fcrden drei Hunde von Rudel A und f\u00fcnf Hunde von Rudel B aufeinandertreffen. Dann werden sich alle drei Hunde von Rudel A sehr stark ins Zeug legen, mit Scheinattacken, heftigem Droh und Imponierverhalten und bisweilen auch mit riskantem Vorpreschen und anderen, potenziell auch f\u00fcr die selbst gef\u00e4hrlichen Verhaltensweisen versuchen, den st\u00e4rkeren Gegner zur\u00fcckhalten. In der f\u00fcnfer Gruppe von Rudel B dagegen stehen wahrscheinlich nur zwei oder drei besonders aktive Hunde in der ersten Reihe, zwei bis drei andere (vor allem die \u00e4lteren und halbw\u00fcchsigen) stehen in der zweiten Reihe und feuern nur an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nehmen wir nun an, morgen oder \u00fcbermorgen w\u00fcrden die beiden Rudel wieder aufeinandertreffen, jetzt w\u00e4ren aber f\u00fcnf oder sechs Hunde der Gruppe A und nur drei oder vier Hunde der Gruppe B anwesend. Jetzt kehrt sich das Bild um, von Gruppe A finden wir nun noch sehr wenige Hunde als besonders aktive und risikobereite Vertreter in der ersten Reihe, w\u00e4hrend sich bei Gruppe B alle nach vorne werfen und gleicherma\u00dfen heftig verteidigen. Auch Hunde, die in der kleineren Kopfzahl sich wagemutig nach vorne werfen, k\u00f6nnen nun bei der gr\u00f6\u00dferen Gruppe in der zweiten Reihe stehen und anfeuern. Neben der Kopfzahl der Gruppe entscheidet aber auch noch, ob der individuell gebundene Teampartner eines Hundes in dieser Konfrontation dabei ist oder nicht. Hunde, deren individuell gebundene Teampartner heute zuf\u00e4llig nicht bei der Konfrontation dabei sind, halten sich sehr viel mehr zur\u00fcck. Hunde, deren individuell gebundene Teampartner heute dabei sind, sind sehr viel aktiver und stehen \u00f6fter in der ersten Reihe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beobachtungen von Roberto Bonanni (zusammengefasst in dem genannten Buchbeitrag) zeigen auch, dass die Anf\u00fchrer und Gefolgschaftsbeziehung in einer Hundegruppe nicht immer mit der Dominanzposition einhergehen muss. In einem Rudel, bei dem die rangh\u00f6chste Position gewechselt hatte, blieb der fr\u00fchere Rangh\u00f6chste immer noch der Anf\u00fchrer, dem sich bei Ortsbewegungen, Aktivit\u00e4tswechseln und anderen Gruppenaktivit\u00e4ten auch der neue Rangh\u00f6chste Anschluss beziehungsweise dessen Entscheidung akzeptierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Untersuchungen \u00fcber die Laufreihenfolge einer siebener Gruppe von Haushunden in Menschenhand, die von der Arbeitsgruppe Miklosi in Budapest ver\u00f6ffentlicht wurden, zeigen ebenfalls, dass diese Hunde zwar oft, aber eben nicht immer in der gleichen Reihenfolge liefen, und das Rangposition, Alter und Pers\u00f6nlichkeit gemeinsam entscheiden, wer wann in welcher Situation vorne oder eben nicht vorne l\u00e4uft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In \u00e4hnlicher Weise haben ja die neueren Auswertungen von Bloch (2014) auch gezeigt, dass die Position der Nachhut w\u00e4hrend der Rudelwanderungen variabel ist, und keineswegs immer vom gleichen Hund beziehungsweise Wolf eingenommen wird.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Tierschutzrelevanz<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/ernst_guck_rechts.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3086 size-medium\" src=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/ernst_guck_rechts-300x225.jpg\" alt=\"ernst_guck_rechts\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/ernst_guck_rechts-300x225.jpg 300w, https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/ernst_guck_rechts.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>All diese Befunde werden dem Vernehmen nach von den Anh\u00e4ngern der Rudelstellungslehre ja mit der Bemerkung vom Tisch gewischt, perfekt strukturierte Rudel lie\u00dfen sich ohnehin nicht beobachten, und alles, was man sehen k\u00f6nnte, w\u00e4ren eben dysfunktionale, wenig effektive und strukturlose Verb\u00e4nde. Dass erinnert dann allerdings an ein Erlebnis, das ein Australischer Kollege von mit einmal in einer Podiumsdiskussion mit einem Kreationisten, also einem Anh\u00e4nger der religi\u00f6s fundamentalistischen Sch\u00f6pfungslehre hatte: Am Ende der Diskussion fragte der Moderator beide, den Australischen Kollegen und den Kreationisten, was sie tun w\u00fcrden, wenn man ihnen morgen Beweise vorlegte, die die Position ihres Diskussionsgegners unterst\u00fctzten. W\u00e4hrend der Zoologe meinte, wenn er solche Beweise vorgelegt bekommt und sie ihm auch wissenschaftlich exakt erhoben w\u00e4ren, w\u00fcrde er selbstverst\u00e4ndlich die Meinung seines Diskussionsgegners \u00fcbernehmen, antwortete der Kreationist mit dem Worten, er wisse das es solche Beweise nicht geben k\u00f6nne, deshalb w\u00e4re die Frage hinf\u00e4llig. Genau dieser Unterschied zwischen Wissenschaft und Glauben ist es, der oftmals von den Anh\u00e4ngern der Rudelstellungslehre verbreitet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders problematisch wird das Ganze dann, wenn tierschutzwidrige Schlussfolgerungen gezogen werden. Wenn Menschen, die problemlos \u00fcber Jahre hinweg mit zwei oder mehreren Hunden zusammenleben, pl\u00f6tzlich eingeredet wird, bisweilen sogar einen Senior abzugeben, damit dieser endlich loslassen und in Ruhe sterben k\u00f6nne, ist eindeutig die Grenze zur Tierschutzwidrigkeit \u00fcberschritten. Gerade in den letzten Jahren haben wir vielf\u00e4ltige Befunde \u00fcber die Trauer bei Hund und Mensch bekommen, die zeigen, wie sehr Hunde unter der pl\u00f6tzlichen Trennung von Bindungspartnern leiden k\u00f6nnen. Sp\u00e4testens hier h\u00f6rt der Spa\u00df auf, und ist auch nicht mehr nur als Kuriosit\u00e4t oder unbewiesene Hypothese zu betrachten. Die Erfahrungen mit trauernden Hunden, W\u00f6lfen und anderen Kaniden wurden von K\u00e4ufer und Ganslo\u00dfer (Wuff 4 und 5 2014) ja ausf\u00fchrlich beschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Prinz02.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-3091 size-full\" src=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Prinz02.jpg\" alt=\"Prinz02\" width=\"250\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Prinz02.jpg 250w, https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Prinz02-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Der bekannte Hundetrainer und Mehrhundehaltungsexperte Thomas Baumann schildert noch einen Fall aus seiner eigenen Praxis, wo ein Tierheimhund durch eine Hundetrainerin aufgrund seiner angeblichen Rudelstellung nicht in eine Familie abgegeben werden sollte. Die Familie hatte bereits einen Ersthund und wollte dem Tierheimhund eine neue Heimat bieten. Entgegen der Empfehlung der genannten Trainerin und des Tierheimpersonals setzte man sich durch, \u00fcbernahm den Hund, und stellte die beiden wenig sp\u00e4ter zu einer Mehrhundeanalyse bei Thomas Baumann vor. Im Ergebnis, so schreibt Baumann, waren die Verhaltensweisen des Tierheimhundes auf gesundheitliche Probleme zur\u00fcckzuf\u00fchren, nicht auf irgendwelche Probleme in Sachen Doppelbesatz. Eine sofortige tier\u00e4rztliche Untersuchung zeigte eine Reihe von Hinweisen auf eine organische Erkrankung. Erst nach deren Beseitigung ist es dann eventuell dann m\u00f6glich, die beiden Hunde in einer Verhaltensanalytik erneut zu bewerten und anschlie\u00dfend Hinweise zu einem besonders erfolgreichen Zusammenleben zu gewinnen. Auseinandersetzungen zwischen den beiden Hunden beruhten offensichtlich darauf, dass der organisch eben erkrankte Zweithund durch st\u00e4ndige innere Unruhe, Hektik und bisweilen auch cholerisch anmutende Angriffe den Ersthund genervt, und diesen dann zu einer entsprechenden Reaktion provoziert hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Vernehmen nach werden derzeit Speichelproben bei den genannten Seminaren der Rudelstellungsanh\u00e4nger gewonnen, um diese anschlie\u00dfend Molekulargenetisch aufarbeiten zu lassen. F\u00fcr Molekulargenetischen Untersuchung von Verhaltenseigenschaften stehen grunds\u00e4tzlich (auch hier n\u00e4heres siehe Van Rooy und Co Autoren 2014) zwei M\u00f6glichkeiten zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine M\u00f6glichkeit ist die Suche nach sogenannten Kandidatengenen. Hierbei identifiziert man im Vorhinein, welche Botenstoffe, Hormone, oder auch deren Bindungsstellen f\u00fcr bestimmte Verhaltenseigenschaften verantwortlich sein k\u00f6nnten. Danach wird gezielt bei Hunden unterschiedlicher Verhaltensauspr\u00e4gung gesucht, ob die f\u00fcr die Struktur dieser Botenstoffe und Bindungsstellen verantwortlichen Hormonabschnitte sich in einer vorhersagbaren Weise unterscheiden, und damit ein Abbild der unterschiedlichen Verhaltensstrategien der jeweiligen untersuchten Hunden abgeben k\u00f6nnte. Diese Untersuchungen haben, beispielsweise im Zusammenhang mit Aggressionsproblemen, Angstproblemen oder Hyperaktivit\u00e4t und ADHS \u00e4hnlichen Symptomen, durchaus zu Erfolgen in der Studie des Hundeverhaltens gef\u00fchrt. Jedoch sind gerade diese Kandidatengene oftmals, vergleichbar dem oben geschilderten Beispiel der PRA, nicht Rasse \u00fcbergreifend identisch. So haben beispielsweise Untersuchungen \u00fcber die Erblichkomponenten von Stereotypien und Zwangshandlungen zwischen Doberm\u00e4nnern einerseits und Bullterriern, Deutschen Sch\u00e4ferhunden und verwandten Rassen andererseits keine \u00dcbereinstimmung der jeweils daf\u00fcr verantwortlichen Gene erbracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zweite M\u00f6glichkeit ist diejenige, sich im gesamten Genom des Hundes diejenigen Erbabschnitte herauszusuchen, die bei Hunden unterschiedlicher Verhaltenseigenschaften unterschiedliche genetische Strukturen zeigen. Bei dieser Genom weiten Suche wurden bisher nur einige potenzielle Kandidatengene f\u00fcr die Charaktereigenschaften Scheuheit beziehungsweise Wagemut gefunden, und einige schwache Assoziationen zwischen Ger\u00e4uschproblematik und einigen ver\u00e4nderten Genabschnitten auf drei verschiedenen Chromosomen bei einigen wenigen Rassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch hier sind wieder bei scheinbar sehr eng verwandten Verhaltensweisen ganz unterschiedliche Erbg\u00e4nge zu finden. So referiert Van Rooy mehrere Studien, die vergeblich versucht haben, die Verhaltensweisen Auge zeigen und Bellen im H\u00fcteverhalten von H\u00fctehundrassen mit einem individuellen, den Mendelschen Regeln folgenden Genabschnitt zur Deckung zu bringen. Beide Verhaltensweisen folgen offensichtlich einer polygenen oder anderweitig komplexeren, nicht Mendelschen Vererbung. Demgegen\u00fcber wurde beispielsweise f\u00fcr das Vorstehen = Pointing durchaus eine signifikante Koppelung mit einem individuellen Genort nachgewiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Letztlich sind epigenetische Mechanismen beispielsweise f\u00fcr Zusammenh\u00e4nge zwischen Fr\u00fchwelplicher Erkrankung und sp\u00e4teren Verhaltensproblemen (Serpell und Jagog 1995), sowie f\u00fcr Ern\u00e4hrungsdefizite, speziell die Anwesenheit von mehrfach unges\u00e4ttigten Fetts\u00e4uren, und sp\u00e4tere Beeintr\u00e4chtigungen im Verkn\u00fcpfungslernen (Battaglia et al 2009) nachgewiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammenfassend l\u00e4sst sich also sicherlich feststellen, dass die genannten \u00dcberlegungen, unabh\u00e4ngig von ethischen und wissenschaftstheoretischen grunds\u00e4tzlichen Kritikpunkten, derzeit nicht den Status einer wissenschaftlich zusammenh\u00e4ngenden, oder gar durch Faktenlage belegbaren Arbeitshypothese erreichen. Hier bereits von einer Theorie oder gar einem umfassenden Erkl\u00e4rungsansatz zu sprechen, ist geradezu vermessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/two-eyes.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3088 size-full\" src=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/two-eyes.jpg\" alt=\"two eyes\" width=\"400\" height=\"175\" srcset=\"https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/two-eyes.jpg 400w, https:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/two-eyes-300x131.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><a title=\"Wissenschaftliche Anmerkungen v. Dr. Udo Ganslo\u00dfer\" href=\"http:\/\/rudelstellungen-klargestellt.de\/?p=3072\">Top<\/a><\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<h6>Literaturverzeichnis:<\/h6>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Akos, Z. R. Beck, M. Nagy T. Vicsek, E. Kubinyi: Leadership and path characteristics during walks are linked to dominance order and individual traits in dop. PloS One 10 (1), 1003446Battaglia, C.L.: Periods of early development and the effects of stimulation and social experience in the canine. J.Vet. Behav. 4, 203-210.2009Bloch G. : Daten und Fakten zur Variabilit\u00e4t bez\u00fcglich Gruppengr\u00f6\u00dfen, Welpenwurfst\u00e4rken, Rudelstellungen, Gruppeformationen und Spielinitiativen in drei Timberwolf- Familien (2000-2014) Bericht Hundefarm Eifel 2014Bonanni, R.&amp;S. Cafazzo: The social organisation of a population of free- ranging dogs in a suburban area of Rome, pp 65-104 in: J. Kaminski &amp; S. Marshall-Pescini (eds.): The Social Dog. Acad. Press, Amsterdam etc 2014Bremmer Harrison, S.B. Cypher S.W.R. Harrison: An investigation into the effect of individual personality on re-introduction success, examples from 3 North American fox species S. 152-158 in: Soorae, P. (ed); Global Reintroduction Perspectives 2013: IUCN, Gland 2013Ganslo\u00dfer, U. &amp; K. Kitchenham: Forschung trifft Hund. Kosmos, Stuttgart 2012Miklosi, A. B. Turcsan, E. Kubinyi: The personality of dogs. 191-222 in: Miklosi, A.B. Turcsan, E. KubinyiSerpell, J &amp;J.A. Jagoe: Early experience and the development of behaviour. p. 79-102 in : J. Serpell (ed): The Domestic Dog. Cambridge UP 1995Sparkman, A. et al: Evidence for a genetic basis for delayed dispersal in a cooperatively breeding canid. Anim. Behav. 83, 1091 &#8211; 1098. 2012van der Waaij, E.H., E. Wilsson, E,Strandberg: genetic analysis of results of a Swedish behavior text on German Shepherd dogs and Labrador retrievers. J. Anim. Sci 86, 2853-2861.van Rooy, D. E.R. Arndt, J.B. Early, P. Mc greevy, C.M. Wade: Holding back the genes: limitations of research into canine behavioral genetics. Canine Gen. Epidem. 1, 7, : 10.1186\/2052-6687-1-7.2014<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Udo Ganslo\u00dfer, namhafter Autor viel gelesener Fachliteratur zum Thema Hund, ist Privatdozent f\u00fcr Zoologie an der Universit\u00e4t Greifswald und dem Institut f\u00fcr spezielle Zoologie der Universit\u00e4t Jena. Er betreut, neben seinen Unterrichts- und Seminart\u00e4tigkeiten, zahlreiche Forschungsprojekte \u00fcber Haushunde und Wildhundeartige. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf Sozialbeziehungen und sozialen Mechanismen. 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